Es ist jedes Jahr das gleiche: Kommt der Sommer, kommt das Ozon - und mit dem Entstehen des Reizgases, das seit neuestem auch noch unter dem Verdacht steht, Krebs zu erzeugen, hebt eine fast rituelle Debatte an, die bisher immer ähnlich endete: ohne Ergebnis. Zwar hat kaum ein anderes Ökothema so viele Wortgefechte ausgelöst; gleichwohl läßt eine wirksame Politik gegen den Sommersmog bis heute auf sich warten - und zwar seit rund zwanzig Jahren.

Hätten sich nämlich die europäischen Politiker einst nicht von der Autolobby unter Druck setzen lassen, hätten sie statt dessen strenge Abgasgrenzwerte nach amerikanischem Vorbild für alle Benzinautos nicht erst 1993, sondern schon zehn Jahre früher verordnet, dann wäre der Sommersmog heute ein ungleich geringeres Übel. Nun aber verlangt die frühere Halbherzigkeit der Politiker eine stärkere Medizin. Weil hierzulande immer noch rund vierzig Prozent aller Autos der Katalysator fehlt, der rund neunzig Prozent der Ozon- Vorläufersubstanzen unschädlich macht, hilft gegen die dicke Luft bei schönem Wetter kurzfristig nur eins: ein großräumiges Fahrverbot für ältliche Stinker.

Wie ernst es die Bonner Politiker wirklich mit dem Schutz von Mensch und Natur meinen, werden sie deshalb mit ihrer Sommersmog-Verordnung beweisen, die sie bald präsentieren wollen. Denn, keine Frage, die notwendigen Maßnahmen bergen Zündstoff: Schon sehen die Verbände den "Wirtschaftsstandort Deutschland" gefährdet, und es gehört nicht viel Phantasie zu der Prognose, daß eine Diskussion über Handel und Wandel im vereinten Europa anbrechen wird. Richtig wäre es deshalb, den Sommersmog europaweit zu bekämpfen - so, wie auch das deutsche Ausscheren beim europaweiten Tempolimit längst nicht mehr tragbar ist; doch nach aller Erfahrung würde dies bedeuten, eine Lösung auf unbestimmte Zeit zu vertagen.

Soll aber der unpopuläre Stillstand tatsächlich erst bei einer Ozonkonzentration von 300 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft verordnet werden - ein Wert, über den in Bonn immerhin debattiert wird -, wäre das nur eine erneute Kostprobe symbolischer Politik. Bei allen Sommersmog-Episoden der Vergangenheit wäre dieser Auslösewert nämlich folgenlos geblieben. 300 Mikrogramm ließen deshalb nur eine fast bizarre Interpretation zu: Die Regierung selbst ist von ihrer Umwelt- und Verkehrspolitik so wenig überzeugt, daß sie von einer weiter steigenden Belastung durch den Straßenverkehr ausgeht - und zwar derart, daß irgendwann selbst ein hoher Auslösewert greift.

Werden die Erfahrungen der Vergangenheit extrapoliert, wäre diese böse Erwartung nicht einmal falsch. Denn viel technischer Fortschritt im Automobilbau wurde durch Wachstumsprozesse kompensiert: geringerer Benzinverbrauch durch steigende PS-Zahlen, weniger Abgas pro Auto durch mehr gefahrene Kilometer. Der Grund dafür: Mobilität auf der Straße ist zu billig. Tatsächlich ist seit Anfang der siebziger Jahre der Benzinpreis sogar relativ gesunken - ein widersinniges Signal, dessen Korrektur überfällig ist. Warum nicht für jeden voraussehbar die Spritsteuer jährlich um zwanzig bis dreißig Pfennig anheben, wie es auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen im Rahmen einer Europastrategie für richtig hält? Das wäre marktwirtschaftliche Umweltpolitik, die nach und nach dafür sorgt, daß mehr Güter auf die Schiene kommen und weniger Menschen gedankenlos in ihre Autos steigen.

Der Sommersmog ist längst nicht das einzige Problem, das die Autolawine den Menschen beschert - schließlich sind allein schon die Vorläufersubstanzen des Ozons, die aus den Auspuffrohren quellen, auch ohne Umwandlung durch das Sonnenlicht schädlich genug. Wäre er aber Anlaß, über die Verkehrspolitik neu nachzudenken, hätte der Smog unter dem blauen Himmel am Ende doch wenigstens etwas Nützliches bewirkt.