Auch der Schauplatz der Verkündung konnte niemanden fröhlich stimmen. Als Jürgen Klinsmann vor einer Woche im Londoner "Comedy Café" die britische Öffentlichkeit von seiner vorzeitigen Rückkehr in die Bundesliga informierte, lachte keiner. Wo sonst allabendlich die besten Londoner Komiker für Schenkelklopfen und Heiterkeit sorgen, herrschte bedrücktes Schweigen.

Vergeblich griff der Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft zu jenem Mittel, das ihm während seines zehnmonatigen Engagements beim englischen Erstligisten Tottenham Hotspur immer wieder geholfen hatte. Klinsmann lobte noch einmal das Gastgeberland in den höchsten Tönen, unterwarf sich sogar dem englischen Humor, den er doch so köstlich fände - vergeblich: Schwäbischer Charme war nicht mehr gefragt. Betrug hielt man ihm vor. Als "Deserteur" wurde er bezeichnet, "mit dem Dolch im Gewande".

Gerade zehn Monate ist es her, daß Klinsmann im Mutterland des Fußballs zum Superstar aufstieg. Dabei hatte eigentlich niemand mehr allzuviel von diesem dreißig Jahre alten Stürmer erwartet. Nach einer internationalen Karriere mit Stationen bei Inter Mailand und AS Monaco vermuteten viele, daß der blonde Deutsche wohl nur noch zum Abkassieren nach England gekommen sei. Zur Begrüßung machten die Londoner Boulevardzeitungen Stimmung, bezeichneten den gebürtigen Schwaben als "Absahner" und "schlechten Schauspieler". Vom "Schwalbenkönig" war die Rede, der als hinterlistiger "Taucher" allein noch durch geschicktes Stolpern im Strafraum für Tore sorgen könne. Klinsmann konterte auf seine Weise und sprach von seinem Wunsch nach einem fundierten Tauchkursus.

Das Eis war gebrochen. Die Londoner Presse bedankte sich für die gute Geschichte mit der Einstellung ihrer Angriffe, und Jürgen Klinsmann nutzte den Waffenstillstand zu einem sportlichen Einstand nach Maß. Gleich im ersten Punktspiel traf er das Tor, wurde zum "Mann des Tages" ausgerufen und eroberte die Fans mit einem Bauchrutscher über den Rasen, der fortan sein Markenzeichen wurde. Bereits nach wenigen Wochen war der Deutsche nicht mehr aus der Liga wegzudenken. "Er hat uns die Werte wiedergegeben, die unser Fußball seit langer Zeit verloren hat", schwärmte die Londoner Daily Mail in einer außergewöhnlichen Würdigung. Fairer Kampf, mutiger Einsatz, offene Ehrlichkeit - all das formte sich zum Bild eines Mannes, der weit mehr als nur ein gutbezahlter Profi zu sein schien.

Klinsmanns tadelloses Auftreten auch außerhalb des Spielfeldes sorgten auch bei seinem neuen Arbeitgeber für einen unerwarteten Aufschwung. Tottenham Hotspur, ein Verein aus dem Londoner Norden, mauserte sich zum Spitzenverein. Im lukrativen englischen Fußball-Pokal gelang der Mannschaft sogar der Einzug ins Halbfinale. Die Anteile der "Aktiengesellschaft Tottenham Hotspur" schnellten an der Börse in die Höhe, die Einnahmen aus Souvenirverkauf und Werbung überstiegen nach dem glänzenden Einstand des Deutschen alle Erwartungen.

Im Überschwang des Erfolgs wurde das Klinsmann-Trikot mit der berühmten Nummer "18" so etwas wie die Kleidungsvorschrift bei einem Publikum, das seine Wurzeln immer noch tief in der jüdischen Gemeinde von Nordlondon hat. Und voller Stolz ließ sich der Eigentümer der "Spurs" für den "besten Kauf aller Zeiten" feiern. Alan Sugar, selbst eng mit der jüdischen Gemeinde verbunden, hatte die Verpflichtung des deutschen Stürmers nämlich höchstpersönlich eingefädelt. Der stämmige, 48 Jahre alte Kaufmann, der auf Trödelmärkten einst billige Antennen verhökert hatte und inzwischen als Chef der Computerfirma Amstrad Hunderte von Millionen umsetzt, gilt als Freund schneller Entschlüsse. Im letzten Sommer trafen sich die Herren auf Sugars Luxusyacht, Klinsmann unterschrieb für zwei Jahre.

Sportlich etabliert, gewann der Deutsche mit offensivem Charme unzählige Freunde an allen Fronten. Die deutsche Kolonie in London, die immer wieder englische Reserviertheit zu spüren bekommt, kürte den freundlichen Sportler dankbar zum Botschafter der Verständigung. Vom Loblied der Massen aufgeschreckte Feuilletonisten drängelten sich vor dem Haus von Klinsmann im vornehmen Stadtteil Hampstead, um die Meinung eines Fußballers zu den Problemen dieser Welt abzufragen.