Die Farbe der Hoffnung ist Türkis.Jahrzehntelang waren die Drehmaschinen der Index-Werke grau lackiert, jetzt strahlen die Gehäuse im frischen Blaugrün.Den Farbtonwechsel möchte Klaus Frick als Zeichen verstanden wissen."Wir haben seit 1991 unser Produktprogramm komplett erneuert", sagt der Chef des traditionsreichen Unternehmens.Das optische Signal ist bei der Kundschaft offenbar angekommen.Die neue Maschinenserie geriet zum Renner, die schwäbischen Facharbeiter in Oberesslingen und Deizi sau schieben fleißig Überstunden, um die Auftragsflut zu bewältigen. Und nicht nur bei den Esslingern geht es aufwärts.Einen Produktionsanstieg von 25 Prozent prophezeite Ezio Colombo, Generalkommissar der Internationalen Werkzeugmaschinenmesse (Emo) in Mailand den deutschen Werkzeugmaschinenbauern für 1995. Den Zuwachs kann die langjährige Vorzeigebranche der deutschen Exportwirtschaft, deren Produktion zu mehr als sechzig Prozent ins Ausland geht, dringend brauchen - zumal ein anhaltend niedriger Dollarkurs im nächsten Jahr die guten Verkäufe im wichtigen US-Markt trüben könnte.Außerdem hat sie gerade die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit hinter sich, welche die knapp 400 überwiegend mittelständischen Betriebe durchschüttelte wie nie zuvor: Das Produktionsvolumen des deutschen We rkzeugmaschinenbaus fiel von siebzehn Milliarden Mark 1991 auf nur noch 10 Milliarden im vergangenen Jahr; mehr als 35 000 der ehemals 100 000 Arbeitsplätze in Westdeutschland blieben auf der Strecke.Die Kapazitäten der ostdeutschen Fabriken, d ie einst den gesamten Ostblock mit Fräsmaschinen und Bearbeitungszentren ausstatteten, wurden fast gar nicht mehr gebraucht.Nur ein kümmerlicher Rest mit insgesamt gut 7000 Beschäftigten blieb übrig. So manche Firma mit glanzvollem Namen, wie etwa die beiden bayerischen Fräsmaschinenhersteller Deckel und Maho, endete im Konkurs, etliche andere überlebten nur mit Hilfe ihrer Banken oder mußten sich starke Partner suchen. "Weder das Ausmaß noch die Dauer des Einbruchs war von irgend jemandem vorhergesehen worden", sagt Berthold Leibinger, geschäftsführender Gesellschafter der Maschinenbaufabrik Trumpf in Ditzingen.Es tröstete kaum, daß die Erzrivalen aus Japan mindestens genauso hart von der Investitionsflaute getroffen wurden.Schließlich blieb selbst solide finanzierten Unternehmen wie Trumpf oder Index nichts anderes übrig, als ihre Kapazitäten den veränderten Realitäten anzupassen.Leibinger mußte mehr als 200 seiner erfahrenen Facharbeiter in den Vorruhestand schicken, und Index-Chef Frick sah sich sogar gezwungen, die Hälfte der 2200 Jobs im Inland abzubauen, um den Umsatzeinbruch von 350 Millionen auf 150 Millionen aufzufangen. Daß die Krise der Werkzeugmaschinenbranche vergleichsweise viel Beachtung fand, obwohl Hersteller mit einer Milliarde Mark Umsatz schon als ausgesprochene Großunternehmen gelten, hat mit deren Schlüsselstellung zu tun.Ob in der Auto-oder Luftfahrtindustrie, der Elektrobranche oder den Sparten Maschinen- und Anlagenbau, ohne Werkzeugmaschinen geht gar nichts.Mit ihrer Hilfe werden PC-Gehäuse gestanzt und gebogen, Nockenwellen und Turbinenschaufeln geschliffen, Armaturen fü r das Bad gedreht oder Kotflügel gepreßt.Kaum ein Industriezweig ist so von den Leistungen findiger Ingenieure und hochqualifizierter Facharbeiter geprägt.Und das weltweite industrielle Wachstum bietet der Branche nun wieder glänzende Aussichten. "Die Frage ist nur, wo die Werkzeugmaschinen in Zukunft produziert werden", sagt Peter Baumgartner, Geschäftsführer bei Mercer Management Consulting in München.Wenn es vor wenigen Jahren noch ganz normal war, daß ein deutscher Autokonzern seine Dreh- oder Schleifmaschinen für ein neues Auslandswerk aus der Heimat bezog, ist dies im Zeitalter des global sourcing, des weltweiten Einkaufs, keineswegs mehr so.Die Deutschen, die vor allem den europäischen Markt dominieren, müssen sich nicht nur mit d en klassischen Wettbewerbern aus Japan, den Vereinigten Staaten, der Schweiz und den vom niedrigen Lirakurs begünstigten Italienern herumschlagen; neuerdings drängen auch Taiwaner und Koreaner auf den internationalen Markt. Angesichts des Nachfragebooms kann derzeit freilich kaum einer der deutschen Hersteller über mangelnde Aufträge klagen.Bernhard Knapp, Vorsitzender des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW) in Frankfurt/Main, ist voller Optimismus: Die Branche habe "die Zeit genutzt" und sei "für den Aufschwung gerüstet".Nach dem kräftigen Plus dieses Jahres prognostiziert der VDW einen jährlichen Anstieg des Ausstoßes von zehn Prozent, 1998 wäre dann das Niveau des Jahres 1991 wieder erreicht. Manche schaffen das schon früher.Trumpf-Chef Leibinger gelang es bereits im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr, den Rekordumsatz des Jahres 90/91 zu übertreffen - allerdings mit zehn Prozent weniger Personal.Und auch Index-Chef Frick, der im laufenden Jahr wieder 300 Millionen Mark umsetzen will, erreicht das mit einer um fast vierzig Prozent reduzierten Mannschaft.Nach den Lehren der Rezession ist er mit der Wiederaufstockung sehr vorsichtig: 150 Leute hat er neu eingestellt, aber trotz Auftrags plus will er sich nun auf den Ersatz der Fluktuation und die Übernahme der Auszubildenden beschränken. Zwar würden jetzt wieder Facharbeiter gesucht, weiß Berater Baumgartner, aber: "In der Summe kommen die Jobs nicht wieder."Index-Chef Frick hat ganze Abteilungen außerhalb der "Kernkompetenz" wie etwa die Gehäusefertigung oder den Kantinenbetrieb (mit einem Teil der Mitarbeiter) an Fremdfirmen ausgelagert, die das billiger machen können. Trumpf organisierte sich völlig neu."Wir haben keinen Stein auf dem anderen gelassen", beschreibt Firmenchef Leibinger die Radikalkur.Gearbeitet wird praktisch nur noch in Gruppen (ZEIT Nr. 16/95).Den angestrebten Produktivitätszuwachs von bis zu 30 Prozent hält auch Trumpf-Betriebsratschef Gerd Duffke für realistisch.Jetzt schon werden die neuen laserbestückten Trumpf-Blechbearbeitungsmaschinen oder Index-Drehautomaten 25 Prozent billiger hergestellt als die Vorgängerserie. Simultaneous engineering, design to cost und modulare Bauweise heißen die Rezepte, die sich hinter diesem Sparerfolg verbergen.Das bedeutet, daß bei der Konstruktion Entwicklungsingenieure, Servicetechniker, Controller, Marketing- und Fertigungsexperten von vornherein zusammenarbeiten; daß der beim Kunden erzielbare Endpreis einer Maschine schon vor der Konstruktion festgelegt wird; und daß die Aggregate nach dem Baukastensystem konstruiert werden, damit sie leicht individuellen Kundenwünschen angepaßt werden können und zugleich höhere Stückzahlen möglich sind.Die technikverliebten Deutschen hätten gelernt, manch "unnötigen Schnickschnack" wegzulassen, betont Index-Chef Frick. Bei steigender Produktion sieht Berater Baumgartner deshalb die Chance, daß die Unternehmen in den nächsten Jahren "gutes Geld verdienen".Und für Berthold Leibinger steht fest: "Die Unternehmen, die überlebt haben, stehen besser da als je zuvor."Gutgeführten Unternehmen wie den beiden schwäbischen Mittelständlern Trumpf oder Index ist zuzutrauen, daß sie es alleine schaffen, doch Branchenkenner Baumgartner schränkt ein: "Einige werden auch jetzt noch vom Markt verschwinden. "Das sieht Claus Garbe, Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger & Partner in München, ganz ähnlich: Zwar sei "die nackte Rationalisierungsphase" jetzt vorbei und die Sensibilität für die Probleme da, aber die Strukturbereinigung längst nicht abgeschlossen. Die Berater warnen: Voreilige Euphorie angesichts der vollen Auftragsbücher könnte sich spätestens beim nächsten Abschwung rächen.Jetzt gelte es die in der Rezession erzwungene Modernisierung weiterzutreiben: die Konzentration auf die Kernkompetenzen und ein eng abgestimmter Verbund mit den Lieferanten, neue Organisationsformen in der Fertigung, eine Stärkung des internationalen Vertriebs und, wenn möglich, auch der Aufbau von Produktionsstätten in den Wachstumsmärkten Südostasiens."Um in dem Ma rkt langfristig zu überleben, gibt es nur zwei strategische Möglichkeiten", glaubt Garbe, "entweder ein Unternehmen erfüllt als echter Nischenspezialist spezielle Bedürfnisse und gibt sich mit beschränkten Wachstumsmöglichkeiten zufrieden, oder es mu ß groß genug werden, um als global player auf den Weltmärkten mitspielen zu können." Doch gerade jetzt zeigt sich, daß die Expansion nicht so leicht zu realisieren ist.Axel Weller von der Stuttgarter Unternehmensberatung Management Partner meint, das Management in vielen kleinen Firmen sei durch den "Spagat" zwischen aktuellem Verkauf und dem Vorantreiben der Internationalisierung schon rein zeitlich überfordert.Noch gravierender: Die Verlustjahre haben die Kapitaldecke ausgedünnt, und die "geistige Grundhaltung" der Mittelständler läßt es oft noch nicht zu, familien fremde Anteilseigner hereinzunehmen. Trumpf-Chef Leibinger ist da weniger pessimistisch."Wo ein durchdachtes Konzept vorliegt, spielen die Banken auch mit", betont der Vollblutunternehmer, und "nicht jeder muß Weltmeister werden, für manchen reicht es aus, Europameister zu sein". Wie mehr als zehn andere deutsche Hersteller produziert Trumpf bereits in den Vereinigten Staaten und expandiert dort kräftig, denn für seine Firma hat sich Leibinger die Rolle des global player ausgeguckt, und nicht nur er.Die Krise hat hier etwas bewirkt, was in den "sieben guten Jahren" zuvor unmöglich schien, staunt Berater Baumgartner: Zusammenschlüsse, die international wettbewerbsfähig sind.So stand etwa Eberhard Reuther, Vorstandsvorsitzender der Körber AG in Hamburg, vor der Frage, wa s er mit den beiden von der Flaute arg gebeutelten Schleifmaschinenherstellern des Konzerns anfangen sollte: Rückzug oder Vorwärtsstrategie.Reuther blieb im Geschäft.Auf dem Höhepunkt der Krise 1993 erwarb er aus dem DDR-Nachlaß den Verbund dreier k leinerer Schleifmaschinenbetriebe in Berlin, Leipzig und Chemnitz und kurz darauf zwei weitere Unternehmen in der Schweiz.Die daraus geformte Schleifring-Gruppe kann sich jetzt ein weltweites Vertriebs- und Servicenetz zu leisten.Jedes der sieben kl einen Unternehmen - der größte Betrieb hat gerade mal 350 Mitarbeiter - kann sich nun auf seine Kernkompetenzen konzentrieren und gleichzeitig die Synergien der Gruppe beim Einkauf oder bei der Entwicklung nutzen.Werner Redeker, im Körber-Vorstand für die Werkzeugmaschinensparte mit ihren 1600 Beschäftigten verantwortlich, rechnet damit, den Umsatz des Vorjahres von 300 Millionen Mark um 25 Prozent steigern zu können."Spätestens 1997" will Redeker schwarze Zahlen präsentieren.Körbers gute Gewinne als Weltmarktführer bei Maschinen für die Tabakverarbeitung (Hauni) machen es möglich, die Durststrecke durchzuhalten. Körber/Schleifring ist kein Einzelfall: Der Drehmaschinenhersteller Traub etwa hat sich durch den Einstieg bei den beiden Fräsmaschinenbauern Heckert in Chemnitz (inklusive einer stattlichen Mitgift der Treuhand) und Hermle aus der württembergischen Nachbarschaft eine breitere Basis verschafft.Und selbst Deckel/Maho-Maschinen erleben jetzt unter den Fittichen ihrer neuen Mutter Gildemeister eine Renaissance. Daß die Wende im Maschinenbau möglich wurde, ist freilich nicht zuletzt auch der konstruktiven Zusammenarbeit mit den Betriebsräten und der IG Metall zu verdanken."Die Arbeitnehmer haben erkannt, daß man etwas tun muß, und ziehen voll mit", lobt Unternehmer Leibinger.So erstellte eine gemeinsame Arbeitsgruppe der Maschinenbauverbände VDW und VDMA und der IG Metall eine Broschüre zur Gruppenarbeit im Maschinenbau, die zur Branchenbibel wurde.Die Arbeitsgruppe war auf Initiative Leibingers und des damaligen Stuttgarter IG-Metall- Bezirksleiters und jetzigen zweiten Bundesvorsitzenden Walter Riester mitten in der Krise kreiert worden, um Wege aus der Misere aufzuzeigen. Und noch eine weitere Problemlösung wurde ganz wesentlich im Ländle angeschoben.Da keine moderne Werkzeugmaschine ohne leistungsfähige elektronische Steuerung auskommt und die Japaner hier den Weltmarkt vollends zu dominieren drohten, setzten sich Hochschulprofessoren und Spezialisten aus den Betrieben zusammen.Herausgekommen ist das Grundkonzept einer sogenannten offenen Steuerung, das mit geringem Aufwand an die verschiedensten Maschinentypen angepaßt werden kann.Siemens liefert die offene n Steuerungen bereits aus.Mitinitiator Leibinger ist stolz auf den Coup: "Die Japaner haben jetzt ebenfalls eine Arbeitsgruppe zur Entwicklung einer offenen Steuerung eingesetzt." Es ist kein Zufall, daß die Baden-Württemberger besonders aktiv sind; schließlich konzentriert sich die Branche im Schwäbischen - dort wo, wie der erste Bundespräsident Theoder Heuss formulierte, die Arbeitseinstellung "aus einer Spannung zwischen spekulativer Phantasie und einer leicht pedantischen Genauigkeit" lebt.