Er sieht aus wie der Sohn von Rainald Goetz aus erster Ehe mit Clint Eastwood. Schlank und drahtig, langes, asketisch schmales Gesicht. Er hat drei Bücher veröffentlicht. Es sind Theaterstücke von ihm aufgeführt worden. Er ist jetzt Mitte Dreißig, Dr. phil., entsprechend gebildet, wenn auch sicherlich in seinen Interessen etwas einseitig ausgerichtet. Gut und gerne zehn Jahre lang hat er sich nur mit einer Frage befaßt, einer Frage, die zum Beispiel Joachim, den Sohn des mächtigen Suhrkamp-Potentaten Siegfried Unseld, auch heute noch beschäftigt: Warum werden Söhne seit alters her dem Machtanspruch ihrer Väter geopfert? Zu diesem Zweck holt er mächtig aus und geht weit zurück bis in die Vorgeschichte unserer Gattung. In seinem neuesten Buch, einem sogenannten Roman, läßt allerdings eine Mutter ihr Kind regelrecht über die Klinge springen. Aber wir wollen nicht vorgreifen. Vor allem nicht unzulässig verkürzen.

Noch ist er zu entdecken. Michael Roes.

Mit seiner Entdeckung ist, zugegeben, die Misere unserer Gegenwartsliteratur noch nicht schlagartig behoben. Dazu schreibt er zu manieriert, zu abweisend und unfreundlich. Dazu verlangt er zuviel von seinen Lesern, Mitarbeit vor allem. Er will das Material arrangieren, aus dem dann, im Kopf seiner Leser, der Roman entstehen könnte. Das verlangt Stehvermögen. Dabei ist es nicht so, daß er sich selbst Arbeit ersparen will, im Gegenteil. Er hat seinen Stoff keineswegs einfach so hingeknallt, sondern sorgfältig ausgebreitet, so daß sich Konstellationen ergeben, Räume, in denen Figuren, Handlungen, Konflikte aus weit auseinanderliegenden Zeiten aufeinandertreffen.

Das klingt ziemlich kompliziert. Und das ist es auch.

Die Nacherzählung des Romans, der in meinem Kopf entstanden ist, muß mit der mythischen Urszene beginnen: Der Regisseur Ernst Töpfer, Vater des Hauptdarstellers Jonathan, verfilmt einen walisischen Mythos. Die Dreharbeiten finden in Wales statt. In der Ferne lassen sich die Bergarbeitersiedlungen bei Cardiff erkennen. Ein heutiges Industrierevier, so schwarzgrau wie Clov in Becketts "Endspiel" seinen Blick aus dem Fenster beschreibt, soll den Hintergrund abgeben. Der Film setzt ein mit der Feststellung, daß Arianrhod, die sich auf den Rat ihres Bruders Gwydion um ein höfisches Amt bei dem "sakralkönig" Math bewirbt, keine Jungfrau mehr ist. Math befragt sie. Sie antwortet ausweichend. Dann läßt sie der König über einen magischen Stab schreiten. Im Drehbuch folgt: "Arianrhod tritt heran, zögert. (kamera aus bodenperspektive, in position des stockes) Sie hebt den fusz, wankt, stöszt eine schrei aus, bricht zusammen. Goewyn eilt zu ihr, will ihr aufhelfen. Doch Arianrhod schüttelt Goewyns hilfsbereite hände ab, befreit sich von einem blutigen klumpen zu ihren füszen, eilt auf die saaltür zu. Dem ausgang nahe wankt sie erneut, krampft sich zusammen (handkamera, unruhig, bewegt). Sie verliert ein weiteres klümpchen blut und talg."

Arianrhod hat soeben zwei Kinder geboren. Aus dem größeren Klumpen schält sich Dylan heraus, später eine Nebenrolle; aus dem kleinen Klümpchen wird, mit magischer Nachhilfe, Lleu, die Titel- und Hauptfigur von Drehbuch, Film und Roman.

Hier fängt die Geschichte erst richtig an; sie endet natürlich tragisch, allerdings auch äußerst kurios. Ein Mythos fragt nicht. Er setzt. Arianrhod mag ihr zweites Kind einfach nicht. Sie verweigert ihm zunächst (s)einen Namen. Sie verweigert ihm weiter (s)eine Rüstung und damit wohl auch die Attribute seiner Männlichkeit. Sie verweigert ihm schließlich, nachdem sie zweimal von Vater und Sohn regelrecht ausgetrickst worden ist, das "fleisch" ihres "geschlechts", was wohl heißen will: die Liebe (mit) einer Frau. Erst an diesem Fluch geht Lleu am Ende zugrunde, auf bemerkenswert umständliche Art. Gwydion, sein Vater, kann es trotz seiner magischen Fähigkeiten nicht verhindern. Nur scheinbar gelang es ihm, Lleus Mutter, seine Schwester Arianrhod, noch ein drittes Mal auszutricksen. Er schuf nämlich Blodeuwedd, ein Wesen aus Blütenblättern, das - "nicht menschlich, doch wirklich" - über alle weiblichen Merkmale, auch das der Untreue, verfügt. Lleu kommt von einem langen anstrengenden Ritt nach Hause zu Blodeuwedd. Er schläft mit ihr, doch sie hat einen anderen im Kopf. Er erfüllt anschließend aus freien Stücken all die abstrusen Bedingungen, die für seinen Tod gestellt sind. Er badet am Ufer eines Flusses, in einem Bottich, der mit Schilf bedeckt ist. Ein Ziegenbock steht daneben. Lleu balanciert nun mit einem Fuß auf dem Rand des Bottichs, mit dem anderen auf dem Rücken des Ziegenbocks. Und mit einem Speer, der zur Zeit des Druidenopfers, geschnitzt worden ist, muß er nun noch in den Rücken getroffen werden. Und genau das geschieht: "Einen augenblick schwebt er zwischen himmel und erde. . . . Sein lächelndes gesicht gefriert. Die augen sind weit aufgerissen, der blick auf Blodeuwedd gerichtet. Sehen im erblinden plötzlich klar." Aber zu spät. Der Fluch der Mutter hat sich erfüllt. "Mit einem markerschütternden schrei löst sich der schemen eines greifvogels von seinem körper, steigt auf und verliert sich im flimmernden mittagslicht."