PRAG/MÜNCHEN. - Spätestens seit Havels großer Rede im Februar stellt sich die Frage neu, wie es um das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen bestellt ist. Wichtiger noch ist die Frage, welches Verhältnis unsere beiden benachbarten Völker bestimmen wird.

Wir, die Älteren, brauchen wohl die Erinnerung, um mit uns, unserem Leiden und unseren Taten ins reine zu kommen. Für die Jungen aber muß die Politik von heute bestimmt sein. Und das heißt, die Dinge neu zu ordnen nach der Verantwortung und den Bedürfnissen von heute für morgen.

Sudetendeutsch-sudetonemecky ist ein Symbol, ein Bild aus der Vergangenheit, von den einen geliebt, von anderen gehaßt, gehegt und gepflegt von beiden Seiten. "Was haben wir damit zu tun, heute", fragen uns junge Leute, Tschechen wie Deutsche.

Nachbarn waren wir Deutschen und Tschechen immer, mit einer tausendjährigen komplizierten Geschichte, mit ihren Höhepunkten und Katastrophen, mit ihren Tätern und ihren Opfern. Aus diesem Jahrhundert sollen hier für die Täter nur die Namen Heydrich und K. H. Frank, für ungezählte Opfer nur die Ortsnamen Terezin, Lidice und Lezáky stehen. Die Vertreibung war eine bittere Konsequenz.

Innerhalb unserer gemeinsamen Geschichte war das tschechischsudetendeutsche Problem nur von sehr kurzer Dauer, es entwickelte sich schnell zwischen den zwei Kriegen, spitzte sich zwischen 1933 und 1938 zu und endete tragisch. Wie das Problem selbst gehört sein Name zur neueren Geschichte. "Sudeten", vor etwa 1900 überhaupt nur eine geographische Bezeichnung der nordöstlichen Randgebirge, die heute ein Stück tschechisch-polnischer Grenze bilden, wurde als politischer Begriff nur sehr allmählich und ungenau verwendet in der ersten Hälfte der Ersten (tschecho-slowakischen) Republik. Zur eindeutigen politischen Parole gegen den tschechoslowakischen Staat wird dieser Name erst mit Konrad Henlein in den dreißiger Jahren. Bezeichnung einer verfestigten politischen Realität als "Sudetenland" bleibt er gerade die sieben Jahre von 1938 bis 1945.

Danach brauchten die Vertriebenen diesen Namen eine Zeit lang zur Benennung ihrer Identität. Diejenigen Deutschen aus der Tschechoslowakei, die vor dem Nazigrauen Zuflucht in anderen Ländern gefunden hatten, vor allem Juden, nannten sich kaum Sudetendeutsche.

Wer aber sollte heute noch gemeint sein mit "sudetendeutsch-sudetonemecky"? Und welchen politischen Sinn machte das Wort? Nur ein kleiner Teil der Deutschen aus den alten Ländern der böhmischen Krone hat sich unter diesem Namen in Institutionen organisiert. Die meisten sind inzwischen einfach zu normalen Deutschen, zu Hessen, Mecklenburgern, Bayern etwa, geworden. Eine "sudetendeutsche" Repräsentation ist ihnen gleichgültig. Sie wurden auch nie danach gefragt, ob sie eine solche Repräsentation wollten. Die Repräsentanten der jeweiligen Organisationen, die keine staatsrechtliche Funktion haben, werden nur von ihren Mitgliedern gewählt. Hunderttausende lehnen die Politik einer sogenannten Landsmannschaft ab und erst recht deren angemaßten Alleinvertretungsanspruch für angebliche "Vertriebeneninteressen".