Das ist ein ganz und gar unspektakuläres und gediegenes Buch des englischen Soziologen. Er zieht die präzise begriffliche Analyse der modernen Gesellschaft jenen ebenso oberflächlichen wie marktschlüpfrigen One-issue-Büchern vor, die uns hierzulande jede Saison neu belehren, in welcher Gesellschaft wir angeblich gerade leben. Waren es gestern noch "Zivil-" und "Risikogesellschaft", so sind es heute "Erlebnis-" und "Multioptionsgesellschaft". Der dreifache Rittberger endet in der Soziologie wie die zweifachen zuvor - auf dem Bauch.

Das Verfahren, das uns diese bunten Panoramabilder ohne jede Tiefenschärfe beschert, beruht auf zweierlei: erstens auf der Möglichkeit, im Deutschen beliebige Substantive mit dem Begriff "Gesellschaft" zu Bindestrich-Gesellschaften zusammenzuleimen. Und zweitens werden solche Unternehmen durch die alltägliche Erfahrung, daß in letzter Zeit alles noch etwas diffuser und unübersichtlicher geworden ist, zu einer radikalen Reduktion verführt: Mit der fast beliebigen Zentrierung der "Theorie" auf einen einzigen Begriffshappen soll handstreichartig Klarheit in die Unklarheit des Ganzen gebracht werden. So gewonnene Klarheiten sind weitgehend fiktiv, und deren Halbwertzeiten nehmen zum Ärger der Leser (und zur Freude der Verleger?) von Jahr zu Jahr ab.

Entgegen den kruden Bildern der Postmoderne, die die Aufklärung des 18. Jahrhunderts mit einem einzigen Pinselstrich in den Konzentrations- und Vernichtungslagern des 20. Jahrhunderts enden lassen, besteht Giddens auf dem "Diskontinuierlichen" als einem Hauptmerkmal der Moderne und entzaubert alle Vorstellungen kontinuierlicher sozialer Entwicklung, wie sie zum Beispiel Modernisierungstheorien ausgesprochen und unausgesprochen zugrunde liegen.

Die Diskontinuitäten der Moderne betreffen die Geschwindigkeit und die Reichweite des sozialen Wandels ebenso wie das "innere Wesen der modernen Institutionen" - insbesondere des sogenannten Nationalstaats. Eine soziologisch orientierte "Institutionenanalyse", die der Mehrdimensionalität und Diskontinuität der Moderne gerecht wird, fehlt bislang. Weder die Reduktion auf den Investitions- und Profitzyklus (Marx) noch jene auf den "Industrialismus" als Motor (Durkheim), noch jene auf die spezifisch kapitalistische, technologische und bürokratische Rationalität (Max Weber) bieten zureichende Erklärungen.

Um die Moderne zu begreifen, löst sich Giddens von diesen herkömmlichen Erklärungen - freilich ohne zu verleugnen, wieviel er allen dreien verdankt. Die Moderne bezieht ihre Dynamik aus drei Faktoren: "Die Trennung von Raum und Zeit und deren Neuverbindung in Formen, die die Einteilung des sozialen Lebens in präzise Raum-Zeit-Zonen gestatten; die Entbettung (disembedding) der sozialen Systeme (womit ein Phänomen gemeint ist, das in engem Zusammenhang steht mit

den Faktoren, die bei der Raum-Zeit-Trennung eine Rolle spielen); die reflexive Ordnung und Umordnung gesellschaftlicher Beziehungen im Hinblick auf ständig hinzukommende Erkenntnisse, die die Handlungen von Einzelpersonen und Gruppen betreffen".

Während in vormodernen Gesellschaften die Zeit an den Raum und einen bestimmten Ort gebunden war und soziale Beziehungen fast ausschließlich durch Anwesenheit charakterisiert blieben, löst die Moderne diese lokale Bindung radikal. Die Einheitlichkeit der Zeitmessung durch die mechanische Uhr ermöglicht eine gesellschaftliche Organisation von Zeit, in der soziale Beziehungen durch Abwesenheit strukturiert und reguliert werden. Die Koordination der neuen Raum-Zeit-Ordnung schafft soziale Beziehungsgeflechte über weite Strecken hinweg: direkt durch das Telephon und den Flugverkehr, anonymisiert durch die Rückwirkungen weit entfernt getroffener Entscheidungen an einem ganz anderen Ort.

Dies ist die Voraussetzung für den Prozeß, den Giddens "Entbettung" von sozialen Beziehungen nennt. Diese werden gesteuert durch "symbolische Zeichen" - allen voran durch das Geld, das die spezifisch moderne Raum-Zeit weltweit verklammert und die Entbettung des ökonomischen Tuns im globalen Maßstab zuläßt. Der "Entbettungsmechanismus" Geld wie jener des Expertenwissens beruht auf dem Vertrauen, das die Subjekte den anonymen Agenturen zugestehen. Man braucht weder den Währungsmarkt noch einen Flugzeugmotor zu verstehen, um mit einer Flugreise riesige Raum-Zeit-Abstände zu überwinden. Der Besitz von Geld und das Vertrauen auf die Konvertibilität der Valuta sowie auf die Zuverlässigkeit der Flugzeugbauer und Piloten ist jedoch unerläßlich.

Der dritte Faktor, von dem die Moderne ihre Dynamik herleitet, ist die Reflexivität sozialwissenschaftlichen Wissens, das im Unterschied zum naturwissenschaftlichen dem Bereich, aus dem es stammt, nicht äußerlich ist, sondern in vielfältiger Weise auf diesen, das heißt die Gesellschaft, zurückwirkt. Soziale Praktiken und das Wissen darüber werden permanent mit neuen Informationen über eben diese Praktiken konfrontiert. Leben, Konventionen und Traditionen in der Moderne werden dadurch reflexiv. Behielt die Vergangenheit, vermittelt über die Geltung der Tradition in vormoderner Zeit, immer ein Übergewicht über Gegenwart und Zukunft, so ändern sich diese Zeitbezüge in der Moderne grundlegend.

Der alte Topos von der Geschichte als Lehrmeisterin (historia magistra vitae) zersetzt sich unter der Zukunftsorientierung der Moderne genauso wie der naive Fortschrittsoptimismus angesichts der offensichtlichen Konsequenzen der Moderne. Auch Traditionen haben nun keine unmittelbare Geltung mehr. Sie werden zu legitimationsbedürftigen Konstrukten durch spezifisch moderne Reflexion. Sie erscheinen als neuzeitlich "gebrochene" oder "kostümierte Traditionen".

Die Postmoderne leitet aus dem Zeitkern solchen Wissens die These ab, daß der Wissenschaft unter der Vielzahl von Erkenntnisansprüchen keine "privilegierte Stellung" mehr zukomme. Sie verwechselt damit die kritische Aufweichung vermeintlich sicherer Wissensbestände mit dem Vermögen, überhaupt Wissen, das sich von Geschichten oder Gerüchten unterscheidet, zu erzeugen. Freilich erhöht solches Mehr-Wissen weder zwangsläufig die Steuerungsfähigkeit noch die Kontrolle oder Selbstkontrolle der Gesellschaft. Giddens distanziert sich sowohl vom technokratischen Glauben an die ubiquitäre Machbarkeit wie von der zynischen Beliebigkeit der Postmoderne und zeigt, daß die Geschichte des 20. Jahrhunderts weder mit der "Industrialisierung des Krieges" noch mit der Gefährdung der natürlichen Lebensbasis und anderen Konsequenzen der Industrialisierung "über die Moderne hinaus" führt, sondern diese radikalisiert. Und gerade die Radikalisierung vermittelt ein vollständigeres Bild ihrer genuinen Zwiespältigkeit.

Die unaufgeregte Analyse der Tendenzen der Moderne, die nicht als Einbahnstraße vorgestellt wird, sondern als in sich widersprüchlicher Prozeß, bewährt sich auch bei Giddens' Untersuchung der "institutionellen Dimensionen der Moderne". Die Alternative "Kapitalismus" oder "Industrialismus" trifft die Sache nicht, da sich in der Moderne beide in ununterbrochener Wechselwirkung und Spannung durchsetzen beziehungsweise durchkreuzen, unterstützt und ergänzt durch zwei andere Agenturen: "Überwachung und Kontrolle über Gewaltmittel". Die Globalisierung des Kapitalismus und die Souveränitätsansprüche der Staaten im "System der Nationalstaaten" stehen dabei nicht - wie noch bei Marx - in einem hierarchischen, sondern in einem dialektischen Verhältnis, was Zufälle und Sonderentwicklungen einschließt: Den Autonomieverlusten von Staaten stehen immer auch Autonomiegewinne gegenüber, genauso wie den Mechanismen der "Entbettung sozialer Beziehungen" solche der "Rückbettung", das heißt der Wiederaneignung oder der Wiederentdeckung von lokalen raum-zeitlichen Strukturen. Soziale Beziehungen gehorchen in der Moderne nicht einem von oben nach unten und zentral gesteuerten System, sondern unterliegen einem Bündel von Trends und Tendenzen, deren gemeinsamer Nenner die Ambivalenz ist. Die lineare Vorstellung von der zunehmenden Destruktion des Subjekts, wie sie postmoderne Autoren so schätzen, erweist Giddens als Chimäre.

Die Ambivalenz drückt sich aus in der Rolle, die die Begriffe Sicherheit und Gefahr sowie Vertrauen und Risiko in der Moderne spielen. "Abstrakte Systeme", deren Funktionsweise der einzelne nicht kennt, haben im Alltag der Moderne für Sicherheiten gesorgt, die frühere Ordnungen nicht kannten. Vom wohlfeilen Gerede über "Risiko" und "Risikogesellschaft" unterscheidet sich Giddens' Analyse allerdings fundamental. Er liefert nicht sentimentale Beschwörungsformeln, sondern Einsichten, die er aus analytischer Schärfe gewinnt. So gehören natürlich die Risiken, die sich für den einzelnen unter Millionen von tangierten Menschen aus den irgendwo auf der Welt durch "abstrakte Systeme" getroffenen "Investitionsentscheidungen" ergeben, zu den elementarsten und weitreichendsten neben ökologischen Großrisiken und Kriegen. Auch hier spürt Giddens den ambivalenten Folgen der weltweiten Verflechtung von "abstrakten Systemen" und Individuen nach. In den wohlhabenderen Ländern genießen diese große Annehmlichkeiten, und dennoch steckt "in jeder Tasse Kaffee . . . die ganze Geschichte des abendländischen Imperialismus".

Giddens bannt die Moderne - wie zuvor schon Marx im "Kapital" - in das Bild des Dschagannath-Wagens aus dem Hindu-Kult. Dieser Wagen "zermalmt diejenigen, die sich ihm widersetzen". Im Unterschied zu Marx, der das Proletariat zum geschichtsphilosophisch ausgezeichneten Lenker dieses Wagens machen wollte, kann Giddens keinen privilegierten Handlungsträger benennen. Er beschwört in einem Kapitel, das etwas kurz und schematisch geraten ist, dafür den "utopischen Realismus". Mit diesem sollte der Wagen "im Sinne der gesamten Menschheit . . . für uns" eingespannt werden. So sympathisch solcher Realismus berührt, so naiv erscheint der Appell an die Menschheit als Aktor angesichts der eingetretenen und noch bevorstehenden Konsequenzen der Moderne.

Anthony Giddens:

Konsequenzen der Moderne

Übersetzt von Joachim Schulte; Suhrkamp

Verlag, Frankfurt/M. 1995; 224 S., 40,- DM