Juliette, Sängerin und Entertainerin, arbeitet mit der Aussicht auf einen Platz in der Galerie der Unsterblichen, zwischen Edith Piaf und Jacques Brel: "Gut, daß es Künstler gab, die den Balken sehr hoch gehängt haben! Aber auch sie haben klein angefangen. Vielleicht werde ich am Ende wie sie Legende sein, wer kann heute schon das Gegenteil behaupten?" Das gängige Schönheitsideal hinter sich lassend, steht die kleine, fast quadratische Künstlerin im Smoking auf der Bühne und blickt durch dicke Brillengläser auf die genormte Außenwelt. "Je suis comme je suis." Ich bin anders als ihr, schaut mich an, und erkennt eure eigene Unwiderstehlichkeit.

Rasant prasseln ihre An- und Einsichten auf das Publikum nieder, verbünden sich mit ihm und stoßen es kurz darauf wieder vor den Kopf. Der breitenwirksamen Problemzone amour folgen Themen, die in Frankreich offiziell nicht existent sind: etwa der Exkurs über eine Frauenkneipe in Paris, Feminismus durch die Hintertür, Ironie immer und ein Selbstverständnis, das neidisch macht. Juliette ist ein weiblicher Buddha in Abendkleidung: "Meine Damen und Herren, Sie haben gesehen, wie ich soeben die Rolle des Eroberers und sogar der Jungfrau gespielt habe - nun werde ich den Tod geben", sagt sie und bremst dabei wieder einmal ihre drei Begleitmusiker ab, mitten im Entree eines Chansons.

Juliettes Chansons, komponiert und arrangiert von der studierten Pianistin selbst, sind eine Mischung aus Klassik, Kinderlied, Musette und Soundtrack. Poesie und Prosa sind kein Gegensatz, Komik und Tragik auch nicht, die Koketterie ist immer etwas spitz, das Laszive, Erotische aber ernst gemeint. Das Publikum im überfüllten Theatersaal beim Festival "Printemps de Bourges" ist überzeugt: Juliette ist unvergleichlich.

Doch auch sie hat Vorbilder, etwa die deutsche Jüdin Marianne Oswald, Anfang der dreißiger Jahre nach Frankreich emigriert und dort zum Idol der Intellektuellen geworden. Zwei Chansons dieser Sängerin, die Klaus Mann in seinem Roman "Der Vulkan" als grünhaarige Ilse Iller verewigte, tauchen im Repertoire von Juliette auf: "Jeu de massacre" und "Papier buvard". Lieder, die auf die Wechselwirkung zwischen Frankreich und Deutschland verweisen, wie sie die Geschichte des Chansons seit der Jahrhundertwende, als es erstmalig nach Berlin, München und Wien importiert wurde, begleitet hat. Erst durch deutschen Einfluß, so die Chanson-Spezialistin Helen Hazera, sei der "Expressionismus und die aggressive Attitüde" ins Chanson gekommen: "Bestimmte Chansons von Prévert wären ohne Brecht nicht denkbar." Umgekehrt ist der pampige Charme einer Trude Hesterberg nicht denkbar ohne die Diseuse Yvette Guilbert, die das Sprechen erst zum Singen erhob.

Unglückseligerweise sind heute nur noch Spuren dieses Kulturaustausches auffindbar. In Deutschland scheint das französische Chanson mit dem Phänomen Mireille Matthieu auf immer begraben, und aktuelle Produktionen werden von den Plattenvertrieben mit spitzen Fingern angefaßt. Sicher, die Sprachlastigkeit der französischen Musik trägt nicht gerade zu ihrer Verbreitung im Ausland bei. Daß ein Chanson jedoch immer Hirnkitzel ist und nur in der eigenen Sprache zu goutieren, ist ein Vorurteil. Den Franzosen gilt alles, was gesungen wird, als Chanson: ob Volkslied, politischer Song, banale Liebesschnulze oder frivoles Couplet. Nur "le lied", also Arien und Opernbelcanto, fallen nicht darunter, denn Stimmvolumen und virtuose vokale Techniken sind im Chanson nicht nötig. Was zählt, ist Persönlichkeit und Bühnenpräsenz.

Der melancholische Chronist Francis Cabrel spiegelt in seinen Chansons den Alltag wider, das bringt in Bourges mühelos an die 6500 Menschen auf die Beine. Cabrels Gastspiel wurde deshalb im größten der zwölf Veranstaltungsorte, einem eigens dafür aufgestellten "Chapiteau", anberaumt - dagegen tritt zur gleichen Zeit im Palais des Congrès Alain Bashung an, ein Rock-Existentialist und Schreihals, dessen Kunst der auch in Frankreich so genannte "Sprechgesang" (sprich: Spreschgesong) ist. Bashung ist obszön und unnahbar, Cabrel der freundliche Schwiegersohn von nebenan. Beide sind Stars, gestandene Vertreter des Chansons im Programm des neunzehnten Festivals. Beim ersten, 1977, hatte man noch ein Forum für marginalisierte Chanson-Formen im Auge. Heute ist Bourges das Woodstock a la française: 130 Konzerte mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt an sechs Veranstaltungstagen locken etwa 80 000 Besucher an. Hier kreuzen sich so gut wie alle Stile und Spielarten der Unterhaltungsmusik - und es kommt oft vor, daß alle mitsingen: in Frankreich kein peinliches Gemeinschaftserlebnis.

In Bourges spürt man die Lust der Franzosen an der eigenen Sprache. Im Salon-Pop der singenden Lady Enzo Enzo, in den arabisch beeinflußten Songs eines Yassine Dahbi, im treibenden Musette-Rock der Clam's. Am muntersten sprudelt die Frankophonie in den Programmen von HipHop-Formationen wie Alliance Ethnik und Défendant Notre Cause, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Möglich, daß die vielen jungen Rapper auf Umwegen auch dem Chanson zu einem neuen Frühling verholfen haben. Doch deshalb nun lautstark die Renaissance des Chansons zu feiern hieße Senf nach Dijon tragen. La nouvelle chanson française wurde vor zehn Jahren schon einmal ausgerufen, als Künstler wie Alain Souchon oder Cabrel zu Größen des Genres aufstiegen. Eine Dekade zuvor war es das politisch engagierte Liedgut a la Leo Ferré, dem die Medien das Etikett "neues französisches Chanson" aufklebten. So ließe sich rückwärts wandern, bis hin zu den Pionieren des Genres: Aristide Bruant, Edith Piaf, Jacques Brel, Boris Vian. Den Schatten dieser Monumente zu verlassen, das erfordert Mut, aber auch eine große Portion Unverfrorenheit.