Der Ton zwischen Washington und Tokio wird schärfer. Mit der Androhung drastischer Strafzölle will die amerikanische Regierung Japan zwingen, mehr Autos und Autoersatzteile aus den Vereinigten Staaten zu importieren als bisher. Sollten die Sanktionen nach dreißig Tagen Bedenkzeit tatsächlich in Kraft treten, würde sich der Preis für japanische Luxuswagen in Amerika auf einen Schlag verdoppeln. Erfolgsmodelle wie der Toyota Lexus hätten plötzlich keine Chance mehr. Verständlich, daß nun die Regierung in Tokio ihrerseits mit Sanktionen droht. Sie muß es, schon um ihr Gesicht zu wahren. Beide Seiten haben ihren Streit vor die neue Welthandelsorganisation (WTO) in Genf gebracht.

Möglich, daß das Scharmützel so endet wie die meisten derartigen Konflikte in der Vergangenheit: Die japanische Industrie verpflichtet sich - etwa termingerecht kurz vor dem Weltwirtschaftsgipfel Mitte Juni in Halifax -, "freiwillig" mehr zu importieren, die Amerikaner akzeptieren dieses Versprechen. Ein rasches Einlenken nach anfänglichem Säbelrasseln wäre nur plausibel, denn der drohende Autokrieg würde beiden Ländern weh tun, zumal den betroffenen Autoindustrien, die eng miteinander verflochten sind. Aber auch den Regierungen, die um die sensible Sicherheitspartnerschaft zwischen Amerika und Japan fürchten.

Möglich aber auch, daß alles ganz anders kommt. Eines vor allem hebt diesen Handelskonflikt gegenüber früheren amerikanisch-japanischen Querelen heraus: Es ist der erste, seitdem die neue Welthandelsorganisation am 1. Januar ihre Arbeit aufgenommen hat. Der Autostreit könnte damit zu einem Test für deren Funktionsfähigkeit werden - und für die des gesamten multilateralen Handelssystems.

Die WTO wurde von der internationalen Staatengemeinschaft mit dem erklärten Ziel ins Leben gerufen, derartige Konflikte aus der Welt zu räumen. Unter dem Regime des alten Zoll- und Handelsabkommens Gatt wurden Urteile von Schlichtungsausschüssen kaum ernst genommen, weil niemand sie durchsetzen konnte. Bestes Beispiel ist die ökonomisch unsinnige und allen Handelsregeln widersprechende EU-Bananenmarktordnung, die trotz eindeutiger Gatt-Urteile bis heute in Kraft ist.

Die neue WTO soll nun in solchen Fällen den Rechtsfrieden wiederherstellen. Ihre Gründungsdokumente legen fest, daß sich bei Handelskonflikten der Geschädigte viel besser als bisher mittels Sanktionen gegen den oder die Übeltäter wehren kann, vorausgesetzt, die Strafmaßnahmen wurden vorher von der WTO genehmigt. Auf diese Weise soll die WTO mit mehr Autorität für Chancengleichheit im Welthandel sorgen können.

Dies jedenfalls ist die Theorie. Ob sie stimmt, ist besonders in den Vereinigten Staaten äußerst umstritten. Und an diesem Punkt liegt die Brisanz des Konflikts mit Japan. Weite Teile des Kongresses lehnen die tragenden Prinzipien des

Welthandelssystems rundheraus ab, also das Diskriminierungsverbot und das Gebot, Ausländer und Inländer gleich zu behandeln. Viele Politiker und einflußreiche Lobbyisten glauben nicht, daß multilaterale Regeln und Verträge ausreichen, um amerikanische Interessen zu schützen. Statt dessen erwarten sie von ihrer Regierung, daß sie das Geschäft der Marktöffnung durch politischen Druck besorgt. Nicht Regeln sollen den Handel bestimmen, sondern Muskeln - wirtschaftliche Macht.