Was nicht passiert: Kein Trompeter bläst einen Tusch. Kein Trommler haut auf die Pauke. Kein Spaßmacher brüllt vor Lachen, damit wir auch vor Lachen brüllen. Keine Gymnastin im Glitzerkostüm fällt nach dem dreifachen Salto (Tusch, Paukenschlag!) ins Netz, und keine Pferdeherde trägt Federbüsche über Sägespäne.

Im Zirkus wissen wir, was wir zu fühlen haben. Seine Niedlichkeit, der Clown, und ihre Begehrlichkeit, die Trapezkünstlerin, regieren unsere Reflexe. Notfalls hilft der Kapellmeister nach. Bei "Que-Cir-Que" tönt statt dessen regelmäßig ein heiseres Kichern vom Band: "That's it! He he he!" - Die Stimme von Janis Joplin, aus dem Archiv ins Zelt transplantiert.

Es wird allerdings (typisch Zirkus!) jemandem Wasser ins Gesicht geprustet: Erst küßt die Frau den schwarzen Mast des weißen Zeltes. Dann stellt sie sich dicht neben den Mann und spuckt ihn an. Er blickt gequält. Er tritt nicht einen Schritt zur Seite. Ein Wasserstrahl trifft sein Ohr, seinen Schritt. Sie demütigt ihn, damit er sie liebt. Die Frau reißt ihren Mund auf, er ist leer. Sie küßt den Mann, tritt zurück - und spuckt ihm noch mehr Wasser ins Gesicht.

Ganz zum Schluß wird der Zeltmast seinen großen Auftritt haben und selber Wasser spucken - einsam und alleine auf der leeren Bühne (die rund ist, aber irgendwie doch keine Manege), nur von ein paar Requisiten umgeben.

Es gibt also ein Zelt, so viel Zirkus soll sein. Es gibt drei Artisten, eine Frau und zwei Männer. Im Anfang ist die Bühne wüst und leer. Die Frau (Emanuelle Jacqueline) erscheint und öffnet dicht am Mast die Falltür zur Hölle. Aus der Tiefe zieht sie einen nackten, bleichen Wurm und klebt ihn an den Holzpfahl: einen Arm. Er läßt an einer Stange am Mast einen kleinen Scheinwerfer kreisen, der ins Publikum leuchtet: der Arm aus der Tiefe, die neugierige Lampe und wir - das ist erst einmal alles.

Der Mensch erscheint im Holozän. Einer Welt, vorerst noch bevölkert von unterirdischen Urwesen und unheimlich kreisenden Eisenteilen. Der Mensch erscheint in Form zweier Männer. Der eine, langhaarig (Hyacinthe Reisch), zieht den anderen, kahl und bis auf ein Höschen nackt (Jean-Paul Lefeuvre), auf einem stählernen Schlitten auf die erdscheibenrunde Bühne. Draußen herrscht wahrscheinlich ewige Nacht, und noch wahrscheinlicher tobt ein Schneesturm. Die Frau aber bringt das Licht: Sie trägt in jeder ausgestreckten Hand eine Kerze.

Jetzt verwandeln die beiden Männer den Schlitten in eine Wippe, stellen sich hoch auf, und ein kleiner Kampf ums Glück beginnt: Wem gelingt es als erstem, wippend eine Kerze auszublasen? Der Langhaarige gewinnt, er bekommt einen Kuß. Der Kahle bekommt eine Ohrfeige.