BERLIN. - Herbst 1993 in einer Anwaltskanzlei: Die Anruferin aus London kommt gleich zur Sache. Ihrer Urgroßmutter habe ein Haus gehört im Berliner Scheunenviertel. Die Urgroßmutter sei Jüdin gewesen, und die Nazis hätten ihr das Haus weggenommen.

Ein Fall unter vielen: Ein großer Teil der Häuser im Scheunenviertel gehörte vor 1933 jüdischen Eigentümern. Jetzt fordern die Erben die Grundstücke ihrer Vorfahren zurück.

Anfang 1994. Der Anwalt spricht bei der zuständigen Sachbearbeiterin im Amt zur Regelung offener Vermögensfragen (ARoV) vor. Bisheriges Ergebnis der Ermittlungen des ARoV: Eine Hypothekenbank habe bereits 1932 die Zwangsverwaltung des Grundstücks beantragt. Im Jahre 1937 habe dieselbe Bank das Grundstück zwangsversteigern lassen. Ein Herr S. habe beim Versteigerungstermin den Zuschlag erhalten.

Die Dame vom ARoV meint, der Rückübertragungsantrag werde wohl abgewiesen werden. Es sei nicht zu beweisen, daß die Zwangsversteigerung nur deshalb erfolgt sei, weil die Eigentümerin Jüdin war.

Die Londoner Mandantin ist fassungslos. Der Fall sei doch klar, das Haus habe der Urgroßmutter gehört. Niemand könne bestreiten, daß die Urgroßmutter von den Nazis verfolgt wurde, die in deutscher Gründlichkeit gefertigte Sterbeurkunde aus dem Konzentrationslager Theresienstadt spreche doch für sich.

Die Häufigkeit der Zwangsversteigerung jüdischen Grundbesitzes in den späten dreißiger Jahren ist bekannt. In all diesen Fällen steht fest, daß Grundstückseigentümer erheblich verschuldet waren - vielfach schon vor 1933. Streitpunkt in den heutigen Rückübertragungsverfahren ist die Frage, ob die Eigentümer ihre Grundstücke aus "rein wirtschaftlichen Gründen" verloren haben oder die Banken das Verfahren der Zwangsvollstreckung gezielt zur "Arisierung" einsetzten.

Das Problem ist keineswegs neu: Zwangsversteigerungsfälle sind der Gegenstand zahlreicher Entscheidungen der alliierten Rückerstattungsgerichte aus den fünfziger Jahren. Ein Teil der Gerichte verlangte für eine Rückübertragung den Nachweis, daß im Verfahren Recht und Gesetz mißachtet und das Verfahren der Zwangsversteigerung "mißbraucht" wurde. Andere Gerichte begnügten sich mit dem (gleichsam schwer zu erbringenden) Nachweis, daß das Grundstück nicht zwangsversteigert worden wäre, wenn die Eigentümer nicht Juden gewesen wären.