Alle reden von Kürzungen des Sozialbudgets. Die Philosophie der Diakonischen Heime in Kästorf bei Gifhorn aber heißt: "Investitionen machen den Sozialstaat bezahlbar." Junge, Alte und Obdachlose - "alle, die keine Fürsprecher haben", finden unter den 130 Dächern der Einrichtung Rat und Hilfe. So verspricht es das Programm. Diesen Menschen bei der Rückkehr in die Gesellschaft zu helfen ist für Pastor Hartwig Drude, Vorstand der Heime, "nicht nur eine christliche Verpflichtung, sondern auch eine volkswirtschaftlich sinnvolle Aufgabe".

Dieter Schneider gehört zu denen, die mit diesem Konzept wieder fit wurden für ein "normales" Leben. Der 42jährige plaudert unbefangen über seine Vergangenheit. An die erinnert nicht nur sein zerfurchtes, wettergegerbtes Gesicht, sondern auch der wöchentliche Termin mit seinem Sozialarbeiter. Schneider hat - mit kurzen Unterbrechungen - achtzehn Jahre lang auf der Straße gelebt, er war ein Berber, wie er selbst mit gewissem Stolz sagt. Wie viele der derzeit etwa 180 000 alleinstehenden Wohnungslosen in der Bundesrepublik zog er kreuz und quer durch das Land, verbrachte zwischendurch aber auch einige Jahre in Frankreich und Spanien. Zurück in Deutschland, machte er sich mit Gedichten einen Namen, nicht nur unter den Wohnungslosen. Das Geld, das er mit Veröffentlichungen und Lesungen seiner Werke verdiente, gab er freilich mit vollen Händen wieder aus. Auch mehrere Versuche, mit geregelter Arbeit seinen Unterhalt selbst zu verdienen, gingen schief. Immer wieder verfiel er dem Alkohol. "Eines Tages hatte ich keinen Bock mehr auf die Straße. Von Kästorf hörte man viel Gutes. Deshalb bin ich dahin."

In der Suchtkrankenhilfe der Diakonischen Heime schwor Dieter Schneider zunächst dem Alkohol ab. Dann bekam er einen Arbeitsplatz, erst in der Gärtnerei der Einrichtung, dann in deren Tochterunternehmen, Diakonische Betriebe GmbH. "Was Besseres als Kästorf hätte mir nicht passieren können. Wer will, kommt da wieder auf die Beine", sagt der gelernte Koch heute. Jetzt versucht er sein Glück außerhalb der Geborgenheit des Heims. In Gifhorn fand er inzwischen eine Freundin, eine Wohnung und seit Anfang Mai sogar einen festen Job. Und diesmal ist Schneider sicher: "Ich schaffe es."

"Wenn wir in Menschen wie Dieter Schneider nicht investieren, wird es für den Staat erst richtig teuer", resümiert Pastor Drude seine Erfahrungen nach fast zwanzigjähriger Tätigkeit. Leider werde unter dem Druck der leeren Haushaltskassen nur noch über Kürzungen gesprochen, "gestaltende Gesichtspunkte sind dabei flötengegangen".

Ein Beispiel: Als in Kästorf vor Jahren die großen Schlafsäle für ehemals Obdachlose abgeschafft wurden, prophezeiten viele Kritiker, nun würde niemand mehr dort ausziehen, weil es viel zu schön in den neuen Einzelzimmern sei. Richtig ist, daß ein Großteil gerade der älteren Bewohner den Schritt "nach draußen" nicht mehr schafft. Allerdings fällt den einstigen Pennern die Gewöhnung an geregelte Arbeit offenbar leichter, wenn sie ein Stück Privatsphäre bekommen. Noch deutlicher wurde die Kritik an der vermeintlichen "Luxusunterbringung" widerlegt, nachdem innerhalb des Geländes Appartements vermietet wurden. Der Anteil derer, die ihr Leben wieder in die eigenen Hände nehmen, liegt bei den Wohnungsmietern besonders hoch. Sie fühlen sich verantwortlich für ihre vier Wände, lernen sich wieder selbst zu versorgen und knüpfen - oft erstmals seit Jahren - Beziehungen zu Freunden und Verwandten.

In einem der 33 Appartements auf dem Kästorfer Gelände wohnt seit zwei Jahren Werner Rosen. Der 45 Jahre alte Alkoholiker hat einige Entziehungskuren hinter sich, zwei Gefängnisaufenthalte und einen Selbstmordversuch. Mittlerweile aber ist er seit Jahren "trocken", und er ist stolz darauf: "Die haben alle Hochachtung vor mir." Rosen arbeitet in seinem erlernten Beruf als Heizungsbauer. Zusammen mit einem Kollegen "von draußen" steuert er die Heizanlage des großen Komplexes, eine verantwortungsvolle Arbeit.

Von seinem Lohn werden Steuern und Sozialabgaben, aber auch Miete, Heizung, Strom, Betreuung und eine Teilverpflegung abgezogen. Das Sozialamt zahlt nur noch ein minimales Taschengeld. Von den 800 Mark im Monat, über die er verfügen kann, hat er ein paar Möbel angeschafft. Auch ein Fahrrad und ein Mofa sparte Rosen sich zusammen, denn "die Busverbindung nach Gifhorn ist katastrophal". Nachdem die eigene Wohnung eingerichtet war, traute sich Rosen endlich, die Verbindung zu seiner Schwester wieder aufzunehmen. Ostern hat er sogar zum ersten Mal seit über zehn Jahren seine Mutter getroffen. Den Schritt nach draußen wagt er allerdings noch nicht. "Ich hab' Angst, plötzlich wieder auf der Verliererstraße zu sein."