Jerusalem

Die Szene spielt in der Hölle: Adolf Hitler, in einem Feuerkessel schmorend, beauftragt ein hilfsbereites Teufelchen, ein Fax nach Jerusalem zu schicken - "An Professor Moshe Zimmermann. Mit herzlichen Grüßen". Die Karikatur, die in der israelischen Tageszeitung Ma'ariv erschien, war nur eine von vielen empörten Reaktionen auf die jüngsten Aussagen des renommierten Historikers. Der Dekan der Fakultät für deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem hatte ein Interview gegeben, bei dem es um die Frage ging: Was sind die Lehren aus der Geschichte - fünfzig Jahre nach dem Untergang des Dritten Reichs?

Moshe Zimmermann, der zu diesem Thema nächste Woche in Jerusalem eine internationale Konferenz organisiert, nutzte die Gelegenheit und provozierte. Er warnte vor nationalsozialistischen Tendenzen in Israel, verglich die Erziehung der Kinder israelischer Siedler in Hebron mit dem Drill der Hitlerjugend in Nazideutschland: Den Kindern in Hebron würde schon als Babys eingebleut, daß alle Araber böse seien. Außerdem benutzten die Siedler "die Bibel wie die Nationalsozialisten ,Mein Kampf`". Das Interview erschien einen Tag nach dem israelischen Holocaust-Gedenktag auf der Aufschlagseite der Wochenzeitung Yeruschalaijim. Es konnte nicht ohne Folgen bleiben.

Als Paranoiker, der Israel hasse, als zügelloser Demagoge, als Parasit, der sich von den Hetzkampagnen in den Medien nähre, wurde Moshe Zimmermann von seinen Gegnern beschimpft. Der Sturm der Entrüstung hat sich auch nach Wochen noch nicht gelegt. Auf dem Schreibtisch seines kleinen Büros in der Universität hat Zimmermann - gerade von einem Bonner Symposium über dreißig Jahre deutsch-israelische Beziehungen zurückgekehrt - erneut einen Stapel Briefe vorgefunden. Darunter ist auch ein ermutigendes Schreiben einer 83jährigen Israelin, die noch rechtzeitig aus Deutschland geflohen war und ihm versicherte, sie verstünde genau, was er gemeint habe. Schon im Jahre 1943 hätte sie - gemeinsam mit einem Schüler Sigmund Freuds - im damaligen Palästina Vorträge über Massenstrukturen des Faschismus organisiert.

Ihm sei es darum gegangen, verteidigt sich Moshe Zimmermann, "ein Warnsignal" auszusenden; er habe auf die Anfälligkeit der Menschen für Ideologien hinweisen wollen. "Die Aktualität der Geschichte lautet: In jedem Menschen lauert der kleine Nazi, auch bei uns." Der Sohn Hamburger Eltern, die 1938 nach Jerusalem emigriert waren, glaubt nicht an Nationalcharaktere, wohl aber an den Einfluß von Erziehung, Sozialisation und Tradition. Während unseres Gesprächs klingelt mehrmals das Telephon. Ermutigende und feindlich gesinnte Anrufe halten sich an diesem Vormittag die Waage.

In Israel haben Zimmermanns Aussagen aufs neue die Frage aufgeworfen, ob Vergleiche zwischen aktuellen Themen und dem Holocaust überhaupt legitim seien. Schon der im vorigen Jahr verstorbene Philosoph Jeshajahu Leibowitz hat das Wort vom "Judonazi" geprägt und damit die Menschen geschockt. Als "Leibowitz für arme Leute" wurde Moshe Zimmermann deshalb von einem wütenden Kollegen abgetan. Auch er lehne die Handlungen des rechtsradikalen Rabbiners Löwinger in Hebron ab, formulierte es Schlomo Aronson von der Fakultät für politische Wissenschaften, aber deshalb würde er ihn noch lange nicht als SS-Mann bezeichnen.

In einer Gesellschaft, in der immer noch viele Menschen die KZ-Nummer auf dem Unterarm tragen und der Holocaust die zentrale Erfahrung bedeutet, sind Vergleiche mit Nazideutschland tabuisiert. "Zu Unrecht", findet Moshe Zimmermann. Denn: "Welchen Sinn hat es dann überhaupt, die Geschichte des Nationalsozialismus zu lernen, wenn man sie nachher völlig isoliert, als handle es sich um eine dämonische Erscheinung", die auf einem anderen Planeten stattgefunden hätte. Nazismus sei nicht gleichzusetzen mit Auschwitz, versucht er seine Aussagen zu entschärfen. Als jemand, der in Entwicklungsstufen denke, beziehe er sich mit seinem Vergleich "lediglich auf die Anfangsphasen des Nationalsozialismus". Rückblickend aber fällt es heute in Israel schwer, von der Hitlerjugend zu reden, ohne an Auschwitz zu denken.