Begonnen hat alles zu einer Zeit, als Literaturgeschichte noch nach Ständen und Landschaften geschrieben wurde, es Schwaben, besondere Schwaben und Schwaben, die Deutsche sind, gab: "Wir hoffen, bald die Gedächtnisstätte errichtet zu sehen, die neben Schiller, dem Dichter, der ganz Deutschland gehört, auch den noch bezeichnenderen Schwaben, wie Uhland, Hauff, Mörike ein Ehrenmal sein soll, das sie nicht nur rühmen, sondern kennen und verstehen lehre" - aus der Schwäbischen Kronik, 27. Juli 1902. Da war der Schwäbische Schillerverein sieben Jahre alt und das "Pantheon des schwäbischen Geistes", das Museum am Steilabhang der Schillerhöhe in Marbach, noch nicht vollendet.

Wunderbare schwäbische Begeisterung für die dichtenden Landsleute im allgemeinen und den ewig genialischen Brausekopf und titanischen Verseschmied aus Marbach im besonderen! Jetzt heißt der Verein Deutsche Schillergesellschaft, feiert seinen 100. Geburtstag, trägt ein Nationalmuseum und seit vierzig Jahren auch das Deutsche Literaturarchiv. Aus Schwabens Pantheon sei längst ein "Bundestag des deutschen Geistes" geworden, sagte Bundespräsident Roman Herzog auf der doppelten Geburtstagsfeier.

Und mehr als das: Nach zögerlichen Anfängen hat man in Marbach viel für die Literatur derer getan, die vor Hitler ins Ausland flohen. So holte man die Welt nach Schwaben, etwa in der Person von Kurt Pinthus, der aus dem amerikanischen Exil nach Marbach kam, um hier in Sachen Expressionismus die Archive zu durchstöbern. Und vielleicht wird aus dem literarischen Bundestag gar noch ein Weltparlament. Der Präsident der Schiller-Gesellschaft, Eberhard Lämmert, fragte in seiner Rede: "Kann ein Archiv, das sich bisher die deutsche Sprache zur Grenze gesetzt hat, dies strikt innehalten, wenn es in vollem Sinne ein Nationalarchiv sein will?" Wohl kaum. Auch die türkische, griechische, serbische Literatur, die in Deutschland entsteht, sollte und wird ihren Ort in Marbach haben.

Platz genug ist ja jetzt. Zum Jubiläumsjahr spendierten Bund und Land einen fünfzig Millionen Mark teuren Erweiterungsbau von knapp 6000 Quadratmetern, der die Archivfläche fast verdoppelte. Mit dem Neubau, dem Pantheon von 1903, dem Archivgebäude von 1973 und dem Collegiengebäude von 1993 ist die Schillerhöhe nun bis an den Rand gefüllt, und das nicht nur oberirdisch. Längst ist der Hügel von Tunneln, Schächten, Magazinen unterhöhlt (wo freilich noch Platz für mindestens zwanzig weitere Jahre Sammelleidenschaft ist). Hier ruht bombensicher - geplant wurde vieles, als man noch an Raketen aus dem Osten glaubte - und seit neuestem auch wohlklimatisiert ein Großteil des Bestandes: rund tausend Nachlässe von Dichtern, Germanisten, Philosophen; zahlreiche Zeitschriften- und Verlagsarchive; eine Spezial-Bibliothek mit 450 000 Bänden; eine Bildabteilung mit 200 000 Sammlungsstücken. Oft genug sind die 98 Mitarbeiter Schatzgräber im eigenen Haus; längst noch nicht ist alles exakt erfaßt, die zum Teil gewaltigen Briefkonvolute nicht einmal aufgeschnürt; verschrumpelte Tonbänder, auf denen die Dichter sich selbst verewigten, sind vielleicht auf immer unhörbar geworden.

In jedem der 15 000 Marbacher Archivkästen stecken neben Manuskripten, Briefen und Krimskrams von des Dichters Schreibtisch unzählige Anekdoten. Ein unhörbares Getuschel über Preise und Marotten, Eitelkeiten und Geschäftssinn erfüllt die Gänge. Das teuerste Einzelstück ist Kafkas "Proceß"-Manuskript, ersteigert für gut drei Millionen Mark und sein Geld wert, hat es doch aus seinem Kasten heraus schon einen mächtigen Streit um die richtige Edition angestoßen. Einem Nachlaß am heftigsten verbunden war wohl Charlotte Pannwitz, die Witwe von Rudolf Pannwitz. Sie wollte gemeinsam mit dem riesigen Werk ihres Mannes nach Marbach übersiedeln und nur unter einem Dach mit ihm weiterleben. Sie starb jedoch, bevor man ihr ein Zimmer im Magazin einrichten konnte.

Jetzt lagern sie alle friedlich und zum Nutzen einer gelegentlich vergeßlichen Nation nebeneinander, die Teuren und Preiswerten, die Berühmten und Vergessenen, die Linken und die Rechten. Diskretion ist oberste Archivarenpflicht, um niemanden zu verprellen. So hat man den Nachlaß Ernst Jüngers gerne genommen, sich gegen einen vom Land bezahlten Jünger-Stipendiaten aber gewehrt: Zuviel Fürsorge für den Herrn der Stahlgewitter hätte den Rückzug friedliebenderer Nachlaßgeber bedeutet.

Um so unverständlicher, daß gerade auf dem Geburtstagsfest das Fingerspitzengefühl kurzzeitig abhanden kam. Günter de Bruyn sollte einen unveröffentlichten Teil seiner Autobiographie lesen: "Vor vierzig Jahren". Was er vortrug, war jedoch keine persönliche Ansicht jener Zeit, in der sein Deutschland dem Warschauer Pakt und das andere der Nato beitrat, sondern eine schonungslose Abrechnung mit dem vor wenigen Wochen gestorbenen Philosophen Wolfgang Harich, damals sein Konkurrent um die richtige Deutung Jean Pauls für die DDR. Das Archiv, die Gesellschaft und das Museum, die es zu feiern galt, haben natürlich die Aufgabe, alles zu bewahren und einiges zu zeigen, auch offene Rechnungen. Es sind Institutionen gegen die Aphasie, aber auch gegen Rechthaberei. In den endlosen Gängen der Magazine sind, mit den Worten Jacob Burckhardts, "Edelsteine der Erkenntnis" vergraben, keine Handreichungen für Gerichtstage in eigener Sache.