Es gibt Musik, bei der man für Momente ein besseres Leben führt, während man ihr zuhört. So eine erhebende Musik macht die Sängerin Maria Joao gemeinsam mit dem Pianisten Mário Laginha aus Portugal. Auf die Frage, wie sie die Musik ihres Duos beschreiben würde, hat Maria Joao geantwortet: "Leidenschaftlichkeit" (Maria Joao, "Danças"; Verve 527 070-2, Vertrieb IMS, Tel.: 0511/97 21 82). Eine sehr treffende Analyse, sie umfaßt nämlich auch jene rätselhafte Verdüsterung des portugiesischen Lebensgefühls, wie es der fado vermittelt: Fernando Pessoa hat diese grundlose Traurigkeit einmal "Blattern in der Seele" genannt.

Davon ist Maria Joao zwar weit entfernt, doch klingt einiges in ihren Liedern, als wären sie in fado leicht fermentiert worden. Trotz vieler Erfahrungen mit der Moderne, mit dem Free Jazz, ist Maria Joao eine sehr aktuelle fadista geblieben. Ihr Pianist Laginha klingt gelegentlich, als würde er sie auf der zwölfsaitigen guitarra portuguesa begleiten. Ihn Begleiter zu nennen ist eigentlich beleidigend. Er ist der Sängerin völlig ebenbürtig, und hin und wieder leuchtet in seinen Improvisationen der musikalische Olymp Europas auf. Zum Beispiel in "Coisas da Terra", wenn er mit der rechten Hand die Fugen-Magie von J. S. Bach herbeizaubert - übrigens, ohne in die Halbseide eines Jacques Loussier abzugleiten. Die Verzahnung von Stimme und Klavier aber ist schon fast nicht mehr von dieser Welt. In dem Lied vom "Tag, als die Blumen die Vögel fraßen" landet das Duo in einem Zustand großer Ruhe. Triumph der Kontemplation. Alles klingt einfach, kostbar und ergreifend. Da sind zwei Menschen, die sich nicht verstellen.

Michael Naura

Musik und Wort - zu nah, so fern: Schöne Sprachmelodie braucht weiter keine Töne, ein Lautpoem ist prinzipiell unkomponierbar. So lautet eine eherne alte Komponistenregel, die man gottlob schon öfters über Bord werfen durfte. Zum Beispiel, als der Oboist und Komponist Heinz Holliger, ein begnadeter Atem-Virtuose und Phrasierungsspezialist, ungeniert Hölderlin vertonte. Vor vier Jahren setzte er dann einen an sich unkomponierbaren Gedichtzyklus von Robert Walser in Musik: "Beiseit. Zwölf Lieder nach Gedichten von Robert Walser". Sie sind jetzt, zusammen mit der drolligen Mundart-Funkoper "Alb-Chehr", einer waschechten "Geischtermusig" aus dem Oberwallis, auf CD erschienen (ECM New Series 447 391).

"Räuchlich lächelnd" steigt der Rauch auf aus heimeligem Schornstein in dem angstbeklemmten Gedicht "Weiter" - in weit gespreizten Intervallen steigt dazu die Stimme des Countertenors David James empor. Wenn sie atemlos abreißt, verkräuseln sich, räuchlich lächelnd, allmählich in der Höhe die getreuen Begleiter Klarinette, Akkordeon und Kontrabaß. Auch die nächste Gedichtzeile wird fast zu bildlich nachgetonmalt: Sechs geschwind verhuschte Töne markieren des unseligen Dichters letzte Schritte in den Kältetod. Schuberts Winterreisender läßt grüßen, wirklich folgt im letzten Lied des Zyklus dann das wörtliche Zitat aus Schumanns "Mondnacht". Ein bißchen expressionistisches Melodram, viel gutes Handwerk und feine Konstruktion, ein Hauch Epigonentum, ja, sogar ein klitzekleines Küßchen Kitsch ist mit dabei - und das Ergebnis: große Kunst. Holliger kann wirklich zwischen allen Genres, Grenzen und Gesetzen auf dem Grat wandern. Nie stürzt er ab.

Eleonore Büning