Das FDP-Beben vor Augen, denkt Helmut Kohl an eine Alleinregierung, wie Wolfgang Schäuble auch, wenn es denn künftig einmal nicht anders geht, um die Macht zu erhalten. Ohne die FDP im Parlament "wären die arithmetischen Voraussetzungen für die absolute Mehrheit der Union günstig", sagt Schäuble im Spiegel. Sie pfeifen im dunklen Walde. Nur einmal, 1957, hat die Union mit Adenauer alleine regiert. Ab 1961 mußte er die Macht wieder teilen. Mit der FDP, aber klar. Die SPD, das war das andere "Lager".

Adenauer hatte eine starke und siegreiche FDP an der Seite, anders als Kohl heute. Sie wollte mit der CDU paktieren, aber schon nicht mehr mit ihm. Dann fiel sie doch um. Dieses Umfallen wurde zum Trauma. Und das machte Geschichte. Die FDP von heute möchte Kohl nicht loswerden, ganz im Gegenteil. Der Enkel steht ungleich stärker da als der Alte. Warum?

Das bunte Bild, das die Republik bietet, manchmal ein Tohuwabohu, gemessen an der Überschaubarkeit der Adenauer-Ära, wirkt nun nach Bonn zurück - aber trifft dort auf einen überdominanten Kohl. Ein Jahr, allenfalls, wollte Strauß 1961 dem Kanzler Adenauer noch zugestehen. Ausgerechnet Strauß' Enkel, Edmund Stoiber, plädiert in Focus dafür, Kohl solle 1998 unbedingt "wieder antreten".

Das sind Notrufe aus der Union. Unheimlich schnell, fast bruchlos, versuchen sich die liberalen Strategen auf die Situation nach dem Wahldebakel einzustellen, aber auch das verdeckt nur Hilflosigkeit. Der Schnellste von allen ist FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle: Nein, man könne "jetzt nicht wochenlang Trauerarbeit leisten". Ja, das Krisenmanagement mache einfach "Spaß". Man nimmt ihm das ab, wenn man ihn so analysieren hört, vom "Ausfransen" der SPD, vom durchaus denkbaren Niedergang der Grünen. Nach NRW habe sich die SPD "auf Gedeih und Verderb" auf die Grünen fixiert. Von "rotgrüner Frontstellung" ist die Rede: Leise erklingt das Lied von der "anderen Republik".

Während ein Teil der Liberalen gerade in der Beschränkung als Funktionspartei die eigentliche Krisenursache ausgemacht hat, dreht der Generalsekretär die Spirale noch etwas weiter: Rot-Grün verhindern als neue liberale Herausforderung. Doch wie groß ist das Drohpotential noch, das von Rot-Grün ausgeht?

Immerhin, der Durchhaltewille der Liberalen ist einigermaßen beeindruckend. Selbst Klaus Kinkel hatte fest vorgehabt, trotz der Tiefschläge von Nordrhein-Westfalen und Bremen weiterzumachen. Das Bild vom Steuermann auf sinkendem Schiff mußte herhalten, um seinem ersten Entschluß moralische Plausibilität zu verleihen - Pflichterfüllung gegenüber der darbenden Partei. Daß die Pflicht ein paar Tage später genau das Gegenteil erforderlich machte, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Kinkel gab auf, weil er ein Überschwappen der liberalen Führungsdebatte auf Kabinett und Koalition verhindern wollte. Je tiefer die Krise ist, um so entschiedener gilt das Regierungsbündnis mit der Union als letzter Anker. Noch Kinkels Rücktritt war ein Akt der Koalitionsdisziplin. Aus dem Umfaller- Trauma ist ein Überlebens-Imperativ geworden.

Einige prominente Liberale klammern sich an die Hoffnung, jeder weitere Schritt in die Krise berge zugleich die Chance für ein ernsthaftes Erneuerungssignal; eine Wende nach der Wende, wenigstens eine Korrektur der Entwicklung seit 1982, in deren Verlauf sich die FDP immer deutlicher als Wirtschaftspartei profilierte. Die Vertreter des bürgerrechtlichen Flügels, Gerhart Baum, Burkhard Hirsch, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, hoffen auf eine "Richtungsentscheidung" in Mainz, zumindest auf eine "offene Diskussion". Nach Mainz müsse Schluß sein mit dem "halben Liberalismus" der letzten Jahre. Wäre Gerhardt dafür der Richtige? Gerhart Baum gibt in der taz die Antwort: "Ich würde mir Leute vorstellen, die leider keine Mehrheit haben." Im dreizehnten Jahr der konservativliberalen Koalition haben die Rechtsstaats-Liberalen ihre innerparteiliche Marginalisierung offenbar längst verinnerlicht.