Gerhardt sucht die Vorbehalte abzubauen: "Es gibt keinen Anlaß zu Befürchtungen aus dem bürgerrechtlichen Bereich der Partei." Doch im letzten Symbolkonflikt, dem Nein der FDP zum Lauschangriff, hat der designierte Nachfolger längst die konträre Position bezogen. Nicht "Freiheit vor dem Staat, Freiheit im Staat", meint Gerhardt, müsse jetzt zur rechts- und innenpolitischen Maxime werden. In personeller Hinsicht hieße die Alternative dann wohl: mit oder ohne Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als Justizministerin.

Seine Herkunft vom wirtschaftsliberalen Flügel wird Gerhardt kaum verleugnen. Doch in der Polarisierung zwischen den Freiburgern und dem nationalliberalen Flügel um Exgeneralbundesanwalt Alexander von Stahl könnte es ihm gelingen, sich als Mann der Mitte zu präsentieren. Inhaltlich klärt das nichts, Stillstand wäre die Folge.

Stillstand? "Der Boden ist günstiger für liberale Politik als vor zehn Jahren. Die Chance ist größer." Es ist nicht wirklich überraschend, daß sich Hans-Dietrich Genscher in der schwersten Krise der FDP hinter solchen Formeln verbarrikadiert. Was soll er auch sagen? Zusammen mit Otto Graf Lambsdorff war es ihm lange gelungen, liberale Eigenständigkeit gegenüber dem Koalitionspartner zu verkörpern. Doch gerade daraus erwuchs das Problem. Überlagert von der Dominanz der "Megafiguren" (Westerwelle), vollzog sich der liberale Auszehrungsprozeß.

Über Brandts Enkel ist viel gehöhnt worden. Doch verglichen mit Genschers Schützlingen - Möllemann, Schwaetzer, auch Kinkel -, machen die SPDler geradezu passable Figur. Was sich nach Genschers Abgang in der FDP vollzog, das beispiellose Theater um die Nachfolge im Außenministerium, wirkt heute wie ein Menetekel. Als Genscher im Zenit seiner Popularität zur Seite rückte, wurde schlagartig seine Hinterlassenschaft sichtbar: Desorientierung und Chaos.

Edmund Stoiber klammert sich beinahe so verzweifelt an Kohl wie die FDP. Den Gegen-Satz zu Stoiber formuliert Wolfgang Schäuble: "Wir werden rechtzeitig vor den nächsten Wahlen im Herbst 1998 entscheiden, und zwar aufgrund der Lage, mit welcher personellen Konstellation und mit welchen programmatischen Aussagen wir in die nächste Wahl ziehen." An dieser Stelle - noch lange mit Kohl oder: möglichst bald ohne ihn - verläuft der Konflikt, der in der Union jetzt aufbricht. Das hat der Kanzler der maroden FDP zu verdanken. Mit ihm aber, viel unangefochtener als dem alten Adenauer, der in seiner Starrheit vielen Veränderungswünschen entgegenstand, ließ sich so schön suggerieren, der Status quo werde fortdauern. Ohne ihn, heißt das umgekehrt, könne sich vieles ändern - andere Koalitionen, aber auch andere Politiken. Dafür steht Schäuble, für viel Genaueres nicht. Aber er war es immerhin, der Hans-Peter Repnik und Heiner Geißler bat, über ein Steuerkonzept 2000 nachzudenken, auch über eine "Ökosteuer", gegen welche die CSU nun Sturm läuft.

Der Streit um das Kohl-Erbe ist einer um die Sache und um die Person zugleich. Schäuble drängt. Die Union aber ließ ihn, der es geahnt haben wird, als Kronprinzen nur gelten, solange die Frage nicht wirklich anstand.

Das ändert sich dramatisch. Ihre angestammte Rolle als dritte Kraft in der Parteienlandschaft hat die FDP an die Grünen verloren. Sind die jetzt auch die "besseren Liberalen"? In den Reihen der FDP löst kaum etwas heftigeren Widerspruch aus. Die Grünen gelten als "Ersatzpartei", die sich die Position der FDP, irgendwie geschickt, erschlichen hat, eine "klassische Staatspartei" (Westerwelle), deren Programmatik den Appell an die "Verantwortung des mündigen Bürgers" (Leutheusser) vermissen lasse. Niemand bestreitet ernsthaft, daß die Grünen die Themen Umwelt und Bürgerrechte erfolgreich besetzt haben; deshalb, so fordert jetzt Wolfgang Gerhardt, müsse der Unterschied zwischen liberalen und grün-interventionistischen Problemlösungen deutlich gemacht werden. Doch warum sollten die Wähler sich noch länger auf die feinsinnige Unterscheidung einlassen? Nicht nur das Vertrauen in die Durchsetzungsfähigkeit, auch das in die inneren Überzeugungen der FDP ist aufgebraucht. Ausländerintegration, Einwanderung, Gleichstellung der Lebensgemeinschaften, Ökologie - jetzt ist der Vertrauensvorschuß bei den Grünen.