HOHENLOHEKREIS. - Freitag abend, 18.10 Uhr in Künzelsau, Schwäbisch-Sibirien. CDU-Kreisgeschäftsführer Helmut Rüeck zündet sich schon wieder eine Zigarette an, dabei beginnt der Parteitag erst in zwei Stunden. "Oh, wär' der Tag nur schon vorüber", sagt die Frau, die Rüeck das Feuer reicht. Heute wird der Kandidat für die baden-württembergische Landtagswahl am 24. März 1996 gewählt. 1357 Mitglieder hat der Kreisverband. Tausend wollen kommen. "Oh, wär' der Tag nur schon vorüber."

Es gibt im Kreis Hohenlohe keine Halle, die einer Mitgliederversammlung der CDU genügend Platz bietet. In die Stadthalle passen eng bestuhlt 550 Menschen. Drum steht neben der Halle ein großes Bierzelt und in dem Zelt eine Videowand und neben der Videowand ein Schild: "Bitte in die Anwesenheitsliste eintragen". Man kann also sagen: In Hohenlohe ist die CDU keine Hinterzimmerpartei. Sie ist die Partei.

Wer hier aufgestellt wird, ist gewählt. "Nur wenn er seine Sekretärin vergewaltigt", sagt später im Zelt ein CDU-Mitglied aus Kupferzell, "kann ihm noch was passieren." Dem bisherigen Abgeordneten aus Hohenlohe ist nichts passiert. Der Bauer Karl Östreicher hat sich unermüdlich "für den ländlichen Raum" eingesetzt, sagen alle, sechzehn Jahre lang. Jetzt will er nicht mehr, und es muß ein Nachfolger gewählt werden. Einer mit Schlitzohren, wie der alte Karl, der wußte, wo in der Landeshauptstadt die Töpfe stehen, aus denen der "ländliche Raum" seine Zuschüsse schöpft.

Und so hatte er es sich gedacht: Karl Hehn, Bürgermeister von Schöntal, ist schon lange spitz auf die Nachfolge. Im vergangenen Wahlkampf war er schon Zweitkandidat des Abgeordneten Östreicher, und nun rechnete er sich folglich die Erstkandidatur aus. Er kennt jeden Hohenloher mit Vornamen, und nach einer schönen Rede müßte die Wahl doch wohl für ihn gelaufen sein. Dachte er. Und hat nicht mit Karl Maurer gerechnet. Und damit, daß die CDU im Kreis Hohenlohe kurz vor Freitag eine wundersame Vermehrung erfuhr. In wenigen Tagen wuchs die Partei um 276 Mitglieder.

Das wiederum hat sie Karl Maurer zu verdanken. Der Zuckerrüben-Landwirt Maurer findet, daß aus Hohenlohe am besten ein Bauer nach Stuttgart fährt, weil der dort den "ländlichen Raum" besser vertritt als ein Beamter. Die 276 neuen CDU-Mitglieder sind mit ihm da einer Meinung, weil sie entweder auch Bauern sind, oder aber mit einem verheiratet. Nun bestreitet Maurer zwar, daß er die Neuen alle geworben hat, um sich selbst wählen zu lassen. Das sei, "wie beim Schneeballsystem", einfach passiert. Daß die taufrischen Parteifreunde aber am Freitag auch alle in die Stadthalle kommen, dafür hat er schon gesorgt, denn hier darf jedes Mitglied, ob alt oder neu, bei der Nominierung mitentscheiden. Zehn Busse sind angemeldet, die Parkplätze schon um 19 Uhr alle belegt.

In Stuttgart hat man von der Eintrittswelle gehört und schnell den Bundeskanzler davon informiert. Der hat zwei große Sorgenfalten auf die Stirn bekommen. Denn schon einmal, vor acht Jahren, hat - nicht allzuweit von Künzelsau entfernt - ein Unternehmer in Burladingen seine halbe Belegschaft in die CDU komplimentiert. Vor der entscheidenden Versammlung hat er ihnen dann noch ein gutes Vesper bezahlt und damit sichergestellt, daß der Sohn des Firmenprokuristen zum Landtagskandidaten gewählt wurde. Ein Fall, an den man sich in der CDU nur ungern erinnern läßt.

Darum hat man aus Stuttgart den Parteitagsprofi Klaus Herrmann nach Künzelsau geschickt, der die Versammlung leiten und darauf achten soll, daß ja alles mit rechten Dingen zugeht. "Kann man mich im Zelt verstehen?" Immer wieder läuft Herrmann ans Funkgerät und erkundigt sich, ob die Technik funktioniert - was sie tut, wie alles andere auch an diesem Abend, inklusive Zapfanlage und Suvlaki-Grill. Die Bauernfraktion aus Kupferzell und Umgebung sitzt mehrheitlich im Zelt, die Parteihonoratioren auf den Ehrenplätzen im Saal. Ganz vorne natürlich der Fürst von Hohenlohe-Öhringen, neben dem Baron von Stetten, und auch der Graf von Zeppelin und Baron von Eyb sind nicht weit.