RECKLINGHAUSEN. - Schon immer ist der Bergbau etwas Besonderes gewesen und an Privilegien gewöhnt. Bereits seit dem 12. Jahrhundert nimmt er ein eigenes Recht für sich in Anspruch, das Bergrecht. Schon im 13. Jahrhundert entstand eine Art Sozialversicherung für Bergleute, die Knappschaften. Und seit etwa 1800 hat der Bergbau auch eigene Berufsschulen. Bis heute ist das so: Die Bergbaulehrlinge an der Ruhr besuchen keine öffentlichen Berufsschulen, sondern Privatschulen. Sie sind staatlich anerkannt, 94 Prozent ihrer Personal- und Betriebskosten werden vom Land "refinanziert".

Schulaufsichtsbehörde ist jedoch nicht, wie sonst üblich, das zuständige Regierungspräsidium, sondern das Landesoberbergamt (Loba) in Dortmund.

Wie der Bergbau insgesamt leiden diese Berufsschulen darunter, daß der Berufsstand vom Aussterben bedroht ist. Im laufenden Schuljahr 1994/95 werden genau 5213 Schüler unterrichtet; Anfang der achtziger Jahre seien es noch rund dreimal so viele gewesen, sagt Günter Korte, für die Schulaufsicht zuständiger Loba-Abteilungsleiter. Sinken die Schülerzahlen, werden jedoch auch weniger Lehrer benötigt; zumindest gibt es dann weniger Geld vom Land. "Wir finanzieren keine Lehrerüberhänge", erklärt Wilfried Mlodzian, Leiter des Referats Ersatzschulfinanzierung im Düsseldorfer Kultusministerium. Ob daher "da und dort die Idee geboren wurde zu manipulieren", um weiter die hohen Zuschüsse zu erhalten - theoretisch könne man so etwas wohl nicht ausschließen, meint Mlodzian.

Genau dies sei an der Bergberufsschule in Recklinghausen geschehen, wird in zwei Briefen behauptet, deren Verfasser es vorzog, anonym zu bleiben; er verriet lediglich, daß er als Lehrer in Recklinghausen angestellt sei. Adressiert sind die im Dezember und März abgeschickten Briefe an den Geschäftsführer des Trägers der Schule, der Deutschen Montan Technologie - Gesellschaft für Lehre und Bildung (DMT-LB) in Bochum. Kopien der Schreiben gingen ans Kultusministerium, an den Landesrechnungshof und ans Loba.

So behauptet der Verfasser zum Beispiel, daß dem Kultusministerium falsche Schülerzahlen mitgeteilt worden seien. Allein aus der Fachoberschule, die der Berufsschule angegliedert ist, seien zum Stichtag 15. Oktober vergangenen Jahres 81 Schüler gemeldet worden, "die entweder nie da waren oder sich bereits abgemeldet haben". Bei einer Lehrer-Schüler-Relation von eins zu fünfzehn hieße das, sollte der Vorwurf zutreffen, daß rund fünf Lehrerstellen unzulässigerweise "refinanziert" worden seien.

Auch vorher schon seien Zahlen manipuliert worden: Bei einem Dienstgespräch im Juni 1994 habe der Schulabteilungsleiter Jürgen Sahl erklärt, er werde vor dem 15. Oktober keine Schülerabmeldungen mehr entgegennehmen, "um ein Schwinden der Schülerzahl bis zu diesem Termin aktenkundlich zu umgehen", wie es in nicht ganz einwandfreiem Deutsch formuliert ist.

Weil zu viele Lehrkräfte angestellt seien, so berichtet ein Lehrer der betroffenen Schule, der nicht genannt werden will, würden außerdem zahlreiche Kollegen, oftmals gegen ihren Willen, umgeschult: Sportlehrer zu Mathematik-, Chemie- und Englischlehrern - "nur damit sie aus der Stundentafel raus sind, obwohl alle genau wissen, daß sie nie als Mathematik- oder Chemielehrer eingesetzt werden".