Die Ehre der Menschheit ist gerettet. Der Imperator schlug zurück. Der selbsternannte Retter, Schachweltmeister Gari Kasparow, konnte am letzten Wochenende seinen Grand-Prix-Bezwinger von 1994, das Schachprogramm "Genius 3/Pentium", ausmanövrieren. Moderator Klaus Spahn, der das Match für den WDR organisierte, nannte die Veranstaltung ein "historisches Ereignis: Wenn heute Kasparow verliert, ist das Rennen zwischen Menschen und Computern entschieden. Und wir waren dabei."

Beim Intel-Grand-Prix-Turnier in London im September letzten Jahres hatte der Chip den Champ geschlagen. Damals ermittelten die Top- Matadoren der Welt ihren Sieger im K.-o.-System, wie bei Tennisturnieren. Die Kontrahenten spielen jeweils zwei Partien (einmal Weiß, einmal Schwarz) gegeneinander. Bei Gleichstand entschied eine Tie-Break-Blitzpartie. In London durfte der Pentium-Prozessor des Sponsors - geladen mit dem Schachprogramm "Genius 3" - in dem Sechzehnerfeld mitmischen. Jeder erwartete ein kurzes Gastspiel, da er in der ersten Runde auf den Weltmeister Kasparow traf. Dieser unterschätzte jedoch den Fremdling, verlor die erste Partie und konnte auch die zweite nicht gewinnen. Remis, 0,5 : 1,5. Gari flog aus dem Turnier, stürzte aus dem Saal. Die Schachwelt war geschockt.

Kasparows WM-Herausforderer, der Inder Vishy Anand, der den Siegeszug des Computers schließlich grandios stoppte, wurde gefeiert wie der wahre Retter der Menschheit. Die Schachspieler verbannten nach der Devise "Beim Hundertmeterlauf fahren ja auch keine Ferraris mit" von da an die Mattmaschinen von allen wichtigen Turnieren. "Menschen, die ja ihre Entscheidungen mit Hilfe von Intuition, Gefühl und begrenzter Rechenkapazität treffen, sollten sich auf klassischen Turnieren nicht mehr mit den gefühl- und fehlerlosen Rechenmaschinen einlassen", empfahl Kasparow später. Andererseits mochte er nicht ausschließen, daß "besonders organisierte Schachveranstaltungen unter dem Motto ,Mensch und Maschinen` Experimente von höchster wissenschaftlicher Bedeutung sein können".

In Köln fütterten die Computerprogrammierer noch bis zehn Minuten vor Anpfiff ihr Gerät mit letzten Weisheiten. Als ihnen ein Journalist einen Fachartikel über "Anti-Computer-Strategien" (ZEIT Nr. 15 vom 7. April 1995) hinüberreichte, programmierten sie sofort Maßnahmen gegen das "Badewannen"-Konzept ein, Schwarz: 1. . . . c6.

Gari Kasparow trat vor der Partie ungewöhnlich bescheiden auf: "Jedes Ergebnis ist möglich." Dann spielte er, ebenfalls ungewöhnlich für ihn, als ersten Zug c4. Wollte er entgegen seiner Ankündigung ("Ich werde ihn mit meinem kreativen Schach schlagen") doch mit der häßlichen Computer-Spezialstrategie gewinnen? Falls ja, verhinderte der Rechner solche Pläne mit dem frisch programmierten Zug c6. Nach 21 Zügen hatte "Genius 3" eine klare Gewinnstellung, verpatzte diese aber, indem er einen raffiniert vergifteten Bauern fraß.

Natürlich erwarteten die Zuschauer auch für die zweite Partie einen auf Sieg spielenden Weltmeister, der mit einem 2 : 0-Erfolg auch in der Gesamtrechung der beiden ungleichen Widersacher vorneliegen könnte. Aber Kasparow bewies seinen großen Respekt vor der Maschine, als er sich ganz vorsichtig mit einem für den Matchsieg ausreichenden Remis begnügte und somit die Bilanz lediglich neutralisierte.

Danach erschien er denn auch nicht wie ein Retter der menschlichen Ehre, sondern wie ein Beschützer seines eigenen Gesichts, das er diesmal nicht versteckte. Aber er sagte auch: "Ich bin nicht stolz."