Als die Wehrmacht die Stadt besetzt hielt, habe er Deutsch gelernt, sagt der alte Mann am Gartenzaun. Aber die meisten Wörter seien ihm entfallen. Es gab ja kaum Gelegenheit, um deutsch zu sprechen. Jetzt beherrsche er neben Karaimisch nur noch Litauisch und Russisch, entschuldigt er gebrochen seine Wortkargheit gegenüber den Besuchern aus der Bundesrepublik, bevor er sich wieder daranmacht, in seinem Garten die Obstbäume zu beschneiden.

Der alte Mann ist einer der rund 120 Karäer, die heute noch im litauischen Trakai leben. "Ankömmlinge aus dem Süden" nannte der im dreißig Kilometer westlich gelegenen Vilnius aufgewachsene Autor Czeslaw Milosz in seinen 1961 erschienenen Erinnerungen die dunkelhaarigen Glaubensgeschwister, die mit den Juden nicht nur die hebräische Schrift teilen. Auch für die Karäer ist die Thora die wichtigste Gesetzesquelle, auch sie warten auf die Ankunft des Messias. Die jüdisch-orthodoxe Tradition, Gebetsriemen anzulegen und an die Türpfosten die Mesusa, Verse aus der Thora, anzubringen, lehnen sie jedoch als Fetischismus ab. Tatsächlich bezeichneten Litauens Karäer ihre im 8. Jahrhundert in Mesopotamien gestiftete Religion als die wahre Fortsetzung jüdischer Tradition und betrachteten sich als Nachfolger der altsemitischen Sekte der Essener von Qumran. Doch nachdem die deutsche Wehrmacht bei ihrem Vormarsch im Baltikum auf die Glaubensgemeinschaft gestoßen war, bestritten die Anhänger jede Beziehung zum Judentum. Sie hätten sich zwar einer jüdischen Sekte angeschlossen, doch in ihren Adern fließe kein "jüdisches Blut", stellten die nationalsozialistischen Rassenforscher fest und ernannten die Karäer, deren Sprache türkischen Ursprungs ist, zu Turktataren. Vordergründig ausschlaggebend für die ethnologische Einordnung war ausgerechnet das Statement des jüdischen Gelehrten Meir Balaban aus dem Warschauer Ghetto, den die Nazis gezwungen hatten, die Karäer "rassisch" und religiös zu bewerten. Obwohl Balaban in seinen vorangegangenen Schriften die Karäer stets als jüdischen Zweig beschrieben hatte, erklärte er jetzt das Gegenteil, denn er wußte, was ihnen sonst drohte. In Vilnius, einst das "Jerusalem des Ostens", töteten Hitlers Schergen hunderttausend Juden.

Doch der eigentliche Grund dafür, warum die Karäer verschont blieben, war nicht Balabans Beurteilung. Die Nationalsozialisten hatten vor, sich mit den Tataren gegen die Sowjetunion zu verbünden. Da die Tataren die Karäer als ihrer Volksgruppe zugehörig betrachteten, hätte die Verfolgung der Karäer die Pläne der deutschen Militärstrategen gefährdet. So überlebten die Angehörigen einer mosaischen Religion den Holocaust, und die Karäer bewohnen noch immer die Halbinsel gegenüber der Burginsel von Trakai im Galve-See.

Hier hatte gegen Ende des 14. Jahrhunderts der litauische Fürst Vytautas 380 Karäerfamilien von der Krim angesiedelt und ihnen ein eigenes Stadtviertel eingeräumt, das sie selbst verwalten durften - ein außergewöhnliches Privileg für eine nichtchristliche Gemeinschaft. Vytautas wußte, warum er die Zugereisten hofierte und sie sogar mit Adelsprivilegien ausstattete, die ihnen Landbesitz für ihren traditionellen Gartenbau und das Recht, Ämter in der staatlichen Verwaltung einzunehmen, zusicherten.

Schließlich sollten sie seine neu errichtete Residenz im See bewachen, die mit dem Festland durch eine Holzbrücke verbunden und nur vom Karäerviertel aus zu betreten war. Aus den Fremden rekrutierte der Fürst auch seine Leibwache, denn in die litauischen Untertanen hatte er aufgrund von Verrätereien das Vertrauen verloren.

Von dem Quartier der ehemaligen Wachmannschaft ist nur noch die Karaimu Gatve, die Karäerstraße, geblieben, wo ihre Nachfahren die gelb und grün gestrichenen Holzhäuser mit den typischen, zum Gehsteig gerichteten drei Fenstern bewohnen. "Damals, als wir zu den Wohlhabenden im Land gehörten, sollten die drei Fenster Reichtum demonstrieren, zwei Fenster hätten nicht ausgereicht, vier wären zu protzig gewesen." - Ein alter Mann versucht die Sitte zu erklären und die Erinnerung an die Zeit wachzurufen, als Trakai die kulturell und materiell repräsentativste karäische Gemeinde Ost- und Mitteleuropas war. In der Karaimu Gatve ist ein kleines ethnologisches Museum eingerichtet, das über die Religionsgemeinschaft informiert. Nur wenige Besucher scheinen sich dafür zu interessieren. Die Frau an der Kasse mit dem zum strengen Knoten gebundenen grauen Haar wirkt erstaunt, als sie kurz ihre Strickarbeit unterbrechen muß, um Eintrittskarten zu verkaufen. Puppen, in Trachten gekleidet, Waffen, Rüstungen und Haushaltsgeräte lassen etwas von dem Alltag der Karäer erahnen. Auf einem vergilbten fünfzig Jahre alten Schwarzweißphoto sind drei Männer mit Vollbärten und Fellmützen abgebildet, auf einer Steintreppe in ein Gespräch vertieft. Andere Exponate erzählen etwas von der Geschichte der Karäer, die sich bis ins 12. Jahrhundert im Vorderen Orient, im Mittelmeerraum und bis jenseits des Kaukasus angesiedelt hatten. Bedeutende Gelehrte, insbesondere im Bereich der Sprachwissenschaft und Schriftauslegung waren Karäer. Heute existieren noch kleine Gemeinden in Istanbul, Kairo, Jerusalem und Paris. Doch seit dem 19. Jahrhundert ruht die theologische Arbeit.

Bei "Kibine" ist mehr los als in dem Museum. Die Kellner des Restaurants, ebenfalls in der Karaimu Gatve, kommen kaum hinterher, den Gästen in Tontöpfen das Nationalgericht der Karäer, eine fettige Mischung aus Schafsfleisch und Mehl, zu servieren. Auf den rustikalen Holzbänken sitzen hungrige Touristen, weniger angezogen von dem Interesse an den Karäern als von den Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten, die der Nationalpark von Trakai mit seinen von Sümpfen und Wäldern umrandeten Seen bietet. Und von der imposanten Burganlage, die vor fünf Jahren mit Feld- und Backsteinen aus den Ruinen wieder aufgebaut wurde.