Der rote Faden in diesem wüsten Knäuel heißt Simone. Simone, zwanzigjährige Französin - und was für eine. Wir lernen ihr Äußeres genau kennen, genauer vielleicht als nötig, von Kopf bis Fuß oder, um es auf Buchheims Weise zu sagen: von ihren langen roten Haaren über ihre Brustwarzen und den Bauchnabel bis zu den mehrfach liebevoll beschriebenen Schamhaaren und dem, was darum ist; als wär's ein Bild aus der "Großen Deutschen Kunstausstellung" unrühmlichen Gedenkens. Simone, des Marineleutnants und Kriegsberichterstatters Lothar-Günther Buchheim Geliebte. Geliebte übrigens auch seines Chefs, des "Alten", der so etwas ist wie der andere rote Faden, wenn denn die Bildsprache zwei davon in einem Tau (bei der Marine: Tampen) erlaubt. Simone in ihrem Café; Simone: Schwarzhändlerin und Sängerin und Spionin und so attraktiv wie nur je eine Bilderbuchfranzösin, und dazu ihr putziges Deutsch: "Isch dein Chouchou . . . Du idiot . . ., für nach die Krieg . . .", der sie liebende, sie allmählich in teils sehr detaillierten, teils nebelhaften Erinnerungen verlierende Erzähler sucht sie durch das ganze dicke Buch hindurch, aber ihre Spur löst sich auf, im Gefängnis der Deutschen, im Zuchthaus, im KZ.

Ein deutscher Soldat im Chaos des endenden Krieges. Unter den Schlägen der alliierten Invasionstruppen in der douce France, die den deutschen Besatzern, vertraut man Buchheims Schilderung, vor allem das Glück des süßen Lebens geschenkt hat. Und sich ihnen als ein einziger großer Puff anbot. Den Offizieren wie den Mannschaften, wenngleich, versteht sich, auf unterschiedlichem Niveau. Und dann zum Ende das Inferno. Daß unser Mann durchgekommen ist, bleibt angesichts der von ihm geschilderten Ereignisse zu Lande, zu Wasser und auch darunter ein Wunder. Es mag damit zusammenhängen, daß er sich für unversehrbar hält. Das ist er zwar nicht, wie sich gegen Schluß bei der langen, wilden Fluchtfahrt Richtung Paris und weiter erweist, aber unzerstörbar. Wie sich auch ein halbes Jahrhundert danach noch zeigt.

Die Festung" hat sich armiert mit einem gigantischen Vorfeld. Wochen schon vor dem Erscheinungstermin des dickleibigen Buches Ende April wußte die Presse in der strammen Haltung ehrfürchtigen Applaudierens zu berichten von diesem ungebärdigen Autor, einem Urtier in Feldafing, und seinem neuen Buch. Mit einem Getöse, das dem wüsten Gegenstand angemessen sein will, hat der Verlag die - wieder so ein Wort - Kampagne betrieben, die der sogenannten Promotion dieses Titels dienlich sein sollte. Die Summe von 750 000 Mark, heißt es, sei zu diesem Zweck ausgeworfen worden - und siehe, der Buchhandel wie die Käufer scheinen folgsam zu reagieren. 150 000 Exemplare wurden prompt geordert, für die gleiche Anzahl stehe das Papier schon in Warteposition.

Er brüllt aber auch wirklich flächendeckend, der Löwe mit der Augenklappe und dem stoppeligen Graubart. In vorauseilendem, berserkernden Rundumschlag vernichtet er alle Öffentlichkeit, die seinem Buch nicht wohlwollen möchte. Er benennt sie präzis, die "debilen Kulturkriecher und schmalbrüstigen Germanisten"; "diese Überintellektuellen, die hasse ich ja wie die Pest." Das schreckt den sensiblen Rezensenten, weiß er doch, daß er, bei Lichte besehen, auch zu dieser Kategorie gehört, und er zögert, den üblen Vorstellungen gerecht zu werden, die sich der donnernde Autor von ihm macht. Aber leider, es muß sein.

Unsere Literaturkritik muß sich ja in regelmäßigen Abständen dem Verdacht aussetzen, daß es sie eigentlich gar nicht gebe. In diesem Fall, im Fall Buchheim also, wäre es besser, es gäbe sie nicht. Denn was man da lesen konnte oder mußte in den Zitaten der dieses Buch aufwendig preisenden Anzeigen, macht staunen und macht hilflos. Von einem "Jahrhundertbuch" jubeln die einen, und die andern reden von einem Werk, "das kein anderer Deutscher zu schreiben vermochte". Das mag ja sein, aber ich würde darin keinen großen Schaden sehen.

Kriegsdichtung, Literatur, die den Krieg beschreibt, gibt es seit Menschengedenken, weil Menschen seit Menschengedenken Kriege machen und weil es sich um ein existentielles Grunderlebnis handelt, das nach Umsetzung in Kunst, in Worte verlangt. Von Homer bis Kleist und Norman Mailer, von den Kreuzliedern und Epen des Mittelalters bis zu Grimmelshausen und Gryphius, bis zu Dwinger und Jünger, Remarque und Hemingway und Malaparte - um mit wenigen Namen als Stichworten zu erinnern an die vielen Versuche der Verarbeitung des Ereignisses Krieg. Auch der letzte, der deutsche Krieg hat seine Beschreibung in Literatur gefunden - soweit er überhaupt beschreibbar ist: durch Brecht und Plievier, durch Borchert, durch Kirst, durch Alexander Kluge, durch Böll und Alfred Andersch. Es wäre also ungerecht zu behaupten, die große Kriegsdichtung stünde noch aus (wenn denn überhaupt ein Bedürfnis nach ihr besteht). Immerhin ist vielleicht ein halbes Jahrhundert nach dem Ende dieses letzten großen Schlachtens jener Abstand hergestellt, der über die Beschreibung des realistischen Details hinaus so etwas wie eine erlebnisbedingte Analyse des mörderischen Geschehens liefert. Die nicht das Ereignis als solches begreifen ließe, aber vielleicht die Urgründe im menschlichen Wesen andeutet, die es möglich machen, daß, um es mit Clausewitz zu sagen, auch die gebildetsten Völker leidenschaftlich gegeneinander entbrennen können.

Abgebildet wurde das schon auf mancherlei Weise. Daß Buchheim mit seinem "Boot" einen Welterfolg hatte, in den USA begieriger noch gelesen als in Deutschland, ist nicht leicht zu erklären. Denn weder das schriftstellerische Niveau noch die Thematik der individuell erlebten Kriegsnot waren sensationell. Eher erklärt sich wohl die Resonanz aus dem Umstand, daß die modellhafte Konzentration eines Millionenmassen gegeneinander aufhetzenden, in den Tod treibenden Ereignisses auf den Raum einer Unterwasser-Stahlröhre mit ein paar Dutzend Menschen eine besondere Art des Nacherlebens ermöglichte. Und aus der sich bis ins akribische Detail manisch vertiefenden Abzeichung der Apparaturen des technischen Wunderinstrumentes U-Boot. Das Buch, der Bildband dazu und der Film, sie haben Buchheim nicht ruhen lassen. Er mußte panisch weitermachen. Trotz des Erfolges? Wegen des Erfolges? Wir erleben mit ihm das Ende dieses Krieges; erleben, um im Bilde zu bleiben, das Schleifen der Festung. Wobei man den Titel sowohl wörtlich nehmen sollte, nämlich in bezug auf den am Nordwestzipfel der Bretagne gelegenen, von den Deutschen wehrhaft ausgebauten Kriegshafen Brest wie auch in bezug auf jenes Deutschland, das sich wie eine Festung, als Festung verbarrikadiert hatte, aller territorialen Ausweitung zum Trotz. In diesem Lande herrschte der Notstand, wie ihn der Belagerungszustand erzeugt, belagert von außen, belagert von innen. Belagert durch sich selbst. Die Aufhebung dieses menschenwürgenden Zustandes als "Befreiung" zu erleben kommt logischerweise nur denen zu, die gefesselt und unterdrückt waren. Das war doch wohl eine relativ kleine Zahl, verglichen mit der größeren der tätig Mitmachenden und der sehr großen der das Schauerstück wohlwollend Duldenden oder gar Fördernden: durch freudige Zustimmung erst, durch krampfhaftes Durchhalten zuletzt.