Falsch ist ebenso die Behauptung, die älteren Menschen schieden immer früher aus dem Berufsleben aus. Das durchschnittliche Renteneintrittsalter hat sich seit 1957 kaum geändert: Es liegt bei etwa sechzig Jahren - bei den Frauen ist es sogar um drei Jahre gestiegen, bei den Männern um ein halbes Jahr gesunken.

Auch wird in vielen Darstellungen ein diffamierendes Zerrbild vom Alter gezeichnet: Auf der einen Seite der braungebrannte Frührentner, der sich auf Kosten der Beitragszahler auf Mallorca einen schönen dritten Lenz macht. Auf der anderen der schwerkranke Greis, der rund um die Uhr versorgt werden will und jetzt auch noch Geld aus der Pflegeversicherung kassiert. Das wirkliche Leben der meisten älteren Menschen trifft beides nicht.

Dennoch: Abseits von aller Polemik bleibt die Frage, ob die angebliche Vergreisung der Gesellschaft nicht tatsächlich auf Kosten der Jugend und ihrer Zukunft geht. Die deutsche Rentenversicherung sei ein "betrügerisches Kettenbriefspiel", bei dem die Jungen die Dummen seien, behauptet zum Beispiel der Heidelberger Sozialrichter Jürgen Borchert, einer der schärfsten Kritiker des deutschen Sozialstaates. Da der Anteil der Älteren an der Bevölkerung erheblich wachse - bis zum Jahr 2040 von 20 auf etwa 33 Prozent -, müsse die nachfolgende Generation einen immer größeren Teil ihres Lohnes für den Unterhalt der Ruheständler aufwenden. Doch wenn sie selbst ins Rentenalter komme, könne sie nicht mehr im gleichen Maße davon profitieren.

Solche Behauptungen sind reine Spekulation. Die Rentenfinanzen werden von derart vielen Faktoren beeinflußt - Wirtschaftswachstum, Lohnentwicklung, Frauenerwerbstätigkeit, Arbeitslosigkeit, Einwanderung, Ausbildungs- und Studienzeiten, durchschnittliches Renteneintrittsalter, Regierungspolitik und vieles andere -, daß sich verläßliche Aussagen über die Belastung der erwerbstätigen Generation in ferner Zukunft nicht machen lassen. Auch ein Beitragssatz zwischen 26 bis 28 Prozent (heute: 19,2 Prozent), den Experten für das Jahr 2030 errechnet haben, ist hypothetisch. Vor wenigen Jahren prognostizierten die gleichen Fachleute für 2030 noch Rentenbeiträge von über 40 Prozent des Bruttolohns. Das war vor der Rentenreform 92.

Niemand kann voraussagen, was sich bis 2030 am Rentenrecht noch alles ändert. Niemand weiß, wie sich die Zahl der Arbeitsplätze und damit der Beitragszahler entwickelt. Wieviel Menschen wandern bis dahin nach Deutschland ein? Steigt die Frauenerwerbstätigkeit? Wie wirkt sich die europäische Integration auf die Rentenfinanzen aus? Wer auf derart unsicherer Grundlage glaubt, den Generationenvertrag kündigen zu müssen, der handelt grob fahrlässig.

Nur eins steht jetzt schon fest: Die Veränderung der Altersstruktur ist für die Rentenfinanzen weniger bedeutend, als es auf den ersten Blick scheint. Viel wichtiger als der demographische Wandel wird die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt sein. Sie entscheidet darüber, wieviel Beitragszahler künftig wieviel Leistungsempfängern gegenüberstehen. "Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit", sagt der Hamburger Landeszentralbankpräsident Hans-Jürgen Krupp, "muß deshalb im Mittelpunkt aller Überlegungen zur Zukunft des Sozialstaates stehen."

Die Ausbeutung der Jungen durch die Alten finde aber auch heute schon statt, sagen Kritiker wie Jürgen Borchert. Er verweist zum Beispiel auf die bedrückende Zunahme der Kinderarmut: Jedes 7. Kind im Vorschulalter wachse - zumindest zeitweise - in einem Sozialhilfehaushalt auf. Vor dreißig Jahren war es nur jedes 65. Kind. Die Lage der Ruheständler indes habe sich seit damals erheblich verbessert. Mit Ausnahme alter Mütter gehe es den meisten Rentnern und Pensionären heute glänzend.