CALW. - "Finger weg von der Sparbüchse der Stadt, gerade im Schwäbischen." Hätte ihm einer diesen Rat noch rechtzeitig zugeflüstert, säße Oberbürgermeister Herbert Karl jetzt viel sicherer in seinem Amtssessel. Aber der Rat blieb aus, und so, wie die Calwer ihren Karl kennen, hätte er ihn auch ausgeschlagen.

Es kam, was kommen mußte: 6200 Calwer, jeder vierte Einwohner, gaben ihre Unterschrift gegen die Absichten des Rathauschefs, und die Leserbriefspalten in der Lokalpresse quellen über vor bösen Worten: "Blitzkrieg des OB", "verraten und verkauft", "wie Stückvieh verschoben". In der Stadt prophezeien einige schon: "Bei der nächsten Wahl kommt Karl unters Rad."

Die Calwer Graf-Zeppelin-Kaserne soll geschlossen, die Stadt "soldatenfrei" gemacht werden, wie der Militärpfarrer sarkastisch bemerkt. Aber nicht, weil der Standort in der Streichliste des Verteidigungsministers stünde. Im Gegenteil: Volker Rühe will die Calwer Luftlandebrigade sogar zu einem "Kommando Spezialkräfte" aufwerten, "beispielsweise zur Evakuierung deutscher Staatsbürger". In Calw sind es vielmehr der Oberbürgermeister und mittlerweile auch der Gemeinderat, die die 1300 Soldaten vor die Tür setzen wollen.

Wo der Minister derzeit auch hinkommt und Standortschließungen verkündet, trifft ihn die vereinte Wut der Kommunalpolitiker. Nur in Calw öffnen sie ihm ungefragt die Tür. "Das ist wirklich einmalig in Deutschland", schnaubt Stabsfeldwebel Jochen Albrecht vom Bundeswehrverband.

Dabei treibt den Oberbürgermeister nur die Sorge um die Stadt. Eingezwängt in die Hänge des Nordschwarzwalds, könne Calw keinen einzigen Quadratmeter Gewerbefläche mehr anbieten. "In den letzten vier Jahren haben wir fünf Firmen verloren", klagt Karl. Außerdem müßten Wohnungen gebaut werden für jene 6000 Menschen, um die Calw Prognosen zufolge innerhalb der nächsten zehn Jahre wachsen soll. Da besann sich der Doktor der Münzkunde einer Einsicht, die er schon immer vertreten habe: "Das Bundeswehrgelände ist unsere Sparbüchse." Rühes Schrumpfkonzept war da willkommener Anlaß, sie endlich zu knacken: Kasernen zu und Aldi auf, Soldaten raus und Gewerbetreibende rein, Kaufkraft statt Kampfkraft. Denn für den (ungedienten) Oberbürgermeister steht außer Frage, daß eine zivile Nutzung des Geländes der Stadt allemal besser bekommt als Rühes Elitetruppe.

Mut hat der Oberbürgermeister zweifellos bewiesen, möglicherweise sogar Weitsicht. Nur an politischem Fingerspitzengefühl hat es ihm gemangelt. Vor den Bürgern hat Karl seine für Calw so einschneidenden Pläne nämlich so lange wie möglich verheimlicht: "So ein Thema kann man nicht öffentlich diskutieren", glaubt er noch immer. So wurde das Thema im Gemeinderat nur kurz angesprochen, stets nichtöffentlich, versteht sich. Dann reiste eine exklusive Delegation mit dem außergewöhnlichen Angebot zum Ministerpräsidenten. Einer der Teilnehmer, Karls Stellvertreter und "Stimmenkönig" von Calw, erfuhr erst am Abend zuvor von dem Treffen und wußte auch nicht, was genau Erwin Teufel vorgeschlagen werden sollte.

Erst als Teufel einige Tage später einen Brief an Rühe veröffentlichte - "Die Stadt Calw ist bereit . . ." -, platzte in Calw die Bombe. "In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hat der OB den Standort wie Sauerbier angeboten", heißt es seither. Erst nachträglich sanktionierte auch der Gemeinderat in einer Sondersitzung den Vorschlag an Rühe. Freilich, wie FDP-Stadträtin Kerstin Ott-Bögle meint, "hat der OB die Gemeinderäte dabei über den Tisch gezogen - mit Versprechungen für Fördermittel, die er nie halten kann."