Andreas Thiel wickelte seine gewaltigen Hände um die Querlatte seines Tores und zog sich himmelwärts. Dann streckte er die Beine aus und ließ sie lässig schaukeln. Mitten im Spiel gegen Rußland, im Viertelfinale der Handballweltmeisterschaft in Island. Fast schon unverschämt.

Thiel ("der Hexer") genoß jede Sekunde dieses Spiels: den amtierenden Weltmeister aus dem Turnier zu werfen - ein solches Vergnügen war dem routinierten Torhüter in seiner Karriere nicht oft beschieden. "Einmal so vor den Russen tanzen zu können, das entschädigt für vieles, was ich schon erlebt habe", sagte Thiel nach dem Ertönen der Schlußsirene. Denn der 35 Jahre alte Jurist ist der einzig Übriggebliebene aus einer Zeit, in der deutscher Handball seiner ganzen Verfassung nach auf die Intensivstation gehörte.

In den zwei Weltmeisterschaftswochen auf Island gelang die Genesung. In Reykjavik kam eine deutsche Mannschaft aufs Feld, die den Gemeinschaftsgedanken favorisierte, das Wir-Gefühl. Der demonstrative Arm-in-Arm-Tanz jeweils nach Spielende wurde zu einem Ritual, das ernsthaft niemand vorausgesagt hatte. Am Ende ein Platz unter den ersten vier der weltbesten Mannschaften: Wer es prophezeit hätte, wäre noch vor einem Monat belächelt worden.

Konstrukteur des Aufschwungs: Arno Ehret, ehedem Linksaußen, einer der besten seiner Zunft, dann Lehrer für Mathematik und Sport, heute Bundestrainer und Sportdirektor des Deutschen Handball-Bundes. Nach eigener Einschätzung "kein Wunderheiler", sondern ein gewiefter Taktiker, der kühle Strategieentwürfe liebt und die sachliche Analyse ("alles geht über den Kopf").

Bei den Spielen des deutschen Teams saß Ehret in Island auf der Bank wie ein Mann, der in sich ruht. Der immer wieder seine Anweisungen gab, aber anders als andere Trainer kein Feuer machte, sein Team nicht nach vorne peitschte. "Es entspricht nicht meiner Vorstellung, eine Mannschaft von meinen Emotionen abhängig zu machen." Für das notwendige Leben und die Leidenschaft müßten die Spieler schon selber sorgen, das müsse von innen kommen.

Einmal, im Spiel gegen die Russen, gestattete sich Ehret allerdings eine Ausnahme, er fühlte sich und sein Team benachteiligt. Er bekam einen hochroten Kopf, er beschwerte sich beim Schiedsrichter, der ihn zum Abglühen ganz oben auf die Tribüne verbannte. "Ich verzeihe mir nicht, daß ich meine Emotionen nicht im Griff hatte", sagte der Trainer später.

In der guten alten Zeit spielte Arno Ehret selbst in der Nationalmannschaft. Unter dem als "Magier" mythologisierten Bundestrainer Vlado Stenzel wurde er 1978 Weltmeister. "Stehgeiger-Handball" sei das damals im Vergleich zum heutigen Tempospiel gewesen, behauptet Ehret. Doch es gebe Parallelen. "Auch 1978 haben wir von der Disziplin gelebt, von gegenseitiger Anerkennung, vom Bemühen des einzelnen Spielers, sich selbst hinter der Gesamtheit zurückzunehmen." Nicht eine Ansammlung von Ausnahmekönnern garantiere den Erfolg, nicht die Soli einzelner Stars. "Bei uns", so Ehrets Philosophie, "muß die Mannschaft die Spiele gewinnen. Und so kommt mal der eine und mal der andere besser heraus."