Ach ja, das Klavier. Wie gern hätten wir es spielen gelernt. Glühend beneideten wir damals die beiden Mitschüler, die jeden Mittwoch nachmittag mit dem Notenblatt unterm Arm zum Unterricht marschierten. Seltsam war nur, daß denen das offenkundig schwer auf die Nerven ging. Wie auch immer: Jetzt ist es zu spät. Mit Mitte Vierzig ist man vermutlich nicht mehr so aufnahmefähig, sonst hätten wir ja auch die Führerscheinprüfung bestanden.

Die Liebe zur Klaviermusik freilich hat nie nachgelassen. Im Gegenteil: Sie ist im Laufe der Jahre sogar noch gewachsen. So legen wir in jeder freien Minute Schallplatten auf und lauschen hingebungsvoll den perlenden Klängen, die begabtere Menschen als wir dem Flügel entlocken. Nicht daß es besonders wichtig wäre, aus welcher Feder die Noten stammen. Ganz egal, ob Werke von Brahms, Bach oder Richard Clayderman - Hauptsache Klavier.

In letzter Zeit allerdings fragen wir uns öfter, ob es nicht gescheiter gewesen wäre, ein anderes Lieblingsinstrument zu wählen. Klarinette vielleicht oder Mundharmonika. Denn Klaviermusik, wir müssen es leider zugeben, geht uns inzwischen schwer auf den Geist. Was nicht verwundern darf, da es kaum noch klavierfreie Zonen gibt. Man trifft, sagen wir, am Flughafen ein, betritt die Charterhalle, und was dringt selbst durch die Geräuschkulisse Hunderter Menschen deutlich aus den Lautsprecherboxen? Ganz recht, Klaviermusik. Man sitzt endlich in der Maschine, was bricht sich Bahn noch durch dröhnenden Motorenlärm? Wir müssen's eigentlich gar nicht aussprechen: Klaviermusik.

Nie werden wir erfahren, wessen Idee es ursprünglich war, harmlose Passanten pausenlos und an den unmöglichsten Orten mit Klaviermusik zu überfallen. Doch so viel steht fest: Es war keine gute Idee. Erwartet denn wirklich jemand Pianoeinspielungen im Fahrstuhl, auf dem öffentlichen Klo am Rathausmarkt oder in der Frauenarztpraxis? Mag wohl sein, daß dieses allgegenwärtige Geklimpere auf zwei, drei Leute entspannend wirkt, uns jedenfalls macht es rasend. Sogar in unserem eher beschaulichen, weil am Stadtrand gelegenen Einkaufszentrum lauert neuerdings am langen Donnerstag ein schwarzgekleideter Mietpianist auf seinen Einsatz. Sobald wir auftauchen, greift er in die Tasten und bringt uns seine seltsame Interpretation von "Strangers in the Night" zu Gehör. Mit schwerem Anschlag. Daß wir seither nur noch in der Mittagspause einkaufen, versteht sich von selbst.

Nein, wir mögen nicht mehr. Sehnsüchtig erinnern wir uns der guten alten Zeiten, als man, um Klavierspielern zu begegnen, noch die Musikhalle aufsuchen mußte. Oder den Ballsaal, wo derlei Vorführungen ja durchaus sinnvoll sein können. Doch wer hat schon Nerven "Für Elise", wenn sie einem aus dem Lautsprecher der Krankenkassenfiliale entgegenquillt?

So wie's aussieht, ist der Aufschwung des Pianismus allerdings kaum noch zu stoppen. Neulich stand es sogar in der Zeitung: "In schätzungsweise über 3000 Restaurants, Bars und Hotelfoyers erklingt jeden Tag Klaviermusik." 3000, und das allein hierzulande!

Aber das deutsche Gastgewerbe schlägt weiter zu: "Die über 5000 Berufspianisten sind so ausgebucht, daß mittlerweile schon eine Jagd auf den Mann am Klavier eingesetzt hat." Jagd auf Klavierspieler? Na endlich.