Melin K. (38) kann es gar nicht erwarten, vor dem Amtsgericht in Hamburg-Bergedorf zu Wort zu kommen, "damit endlich die Wahrheit ausgesprochen wird". Sichtlich nervös zupft er an einer Krawatte mit grellem Blumenmuster, dazu trägt er einen bordeauxroten Zweireiher. Melin K. wird beschuldigt, im Januar 1994 einer Tankstelle dreizehn Liter Benzin gestohlen haben.

"Freilich" habe er getankt, sagt Melin K. zu diesem Vorwurd, genau für zwanzig Mark und einen Pfennig. Nur habe er an diesem Morgen, so berichtet er treuherzig dem Gericht, leider vergessen, daß er bereits Zigaretten gekauft habe, und so befanden sich also statt des erwarteten Zwanzigers nur noch fünfzehn Mark in seinem Portemonnaie. Das sei ihm "äußerst unangenehm" gewesen, sagt Melin K., bloß: den Sprit habe er "ja nicht zurück aus dem Tank pumpen" können. Die fünfzehn Mark habe er sofort bezahlt. Fünf Mark seien offengeblieben.

Dafür ließ er seinen Führerschein als Pfand bei der Kassiererin. Gegen Abend sei er dann wiedergekommen, habe die fünf Mark an einen jungen Mann, der als Aushilfe gearbeitet habe, gezahlt und dafür seine Papiere wiederbekommen. "Das war es für mich", sagt Melin K. Trotzdem wurde er vom Tankstellenpächter wegen Diebstahls angezeigt.

Die Zeugin K. arbeitet an der Tankstelle. Sie behauptet, an dem Morgen des Diebstahls dort Dienst getan zu haben. Die Zeugin ist eine adrette Blondine in den Vierzigern, Melin K. hat "seine" Kassiererin aber als ältere, dunkelhaarige Dame beschrieben. Frau K. sagt weiterhin aus, daß überhaupt keine Aushilfen an der Tankstelle arbeiten. Sie erinnert sich genau, daß der Angeklagte vom Hof gefahren sei, ohne zu bezahlen. Daraufhin habe sie sein Kennzeichen notiert. Leider werde häufig getankt, ohne daß die Rechnung bezahlt werde, daher müsse sie immer aufpassen, erklärt die Zeugin, denn wenn sie einen Diebstahl nicht bemerke, dürfe sie den fehlenden Betrag aus eigener Tasche begleichen.

"Offenkundig" widersprächen sich beide Aussagen im "Kern" und in "Details", stellt der Richter fest, "ein Kompromiß" sei ja kaum denkbar. Mit einer Einstellung des Verfahrens gegen eine Buße von hundert Mark ist Melin K. aber nicht einverstanden.

Es gehe hier nicht um Geld, sondern um "Ehre und Gerechtigkeit", verkündet Melin K. aufgebracht. Er sei Türke, sagt er, aber bei ihm gehe es nicht "so" zu, wie es sich "die Deutschen" bei Ausländern wohl vorstellten. Er sei nämlich ein ehrlicher Mensch und habe sich noch nie etwas zuschulden kommen lassen.

"Außerdem, sehr geehrter Herr Richter", fügt der Angeklagte seiner Verteidigung noch hinzu, "wenn ich etwas klauen will, dann doch nicht dort, wo ich immer tanke." An dieser Tankstelle würden ihn alle Mitarbeiter kennen, er wohne doch genau gegenüber. Abgesehen davon, wer sei schon "so blöd", genau für zwanzig Mark Sprit zu zapfen, wenn er vorhabe, anschließend nicht zu bezahlen?