Auch die Holzbläser sind nur in den extremen Lagen vorhanden, dafür gibt es Blech und viel Schlagwerk - das ganze Theaterchen ist vollgestopft damit, bis in die seitlichen Logen hinein. Hölszkys Lieblingsinstrument aber macht erst in der dritten Szene zum ersten Mal den Mund auf: der Chor. Er spielt die Hauptrolle, denn der Chor bildet die "Wände" in diesem Stück.

Der Wiener Arnold-Schoenberg-Chor kann alle Geräusche hervorbringen, die man ihm nur abverlangt: Räuspern, Zischen, Plappern, Grölen, Knattern, Lachen, Furzen, Singen. Im ersten Teil der Oper ist die lebende Wand ständig in Bewegung. Nach der zwölften Szene, als der Aufstand ausbricht und es nur noch ums Töten geht, stehen die Choristen plötzlich höhnisch meckernd überall im Opernhaus, das Publikum selbst, umzingelt von Wänden: Da ist das Orchester schon weg. Kommt aber später noch einmal wieder, um ein besinnliches Intermezzo zu spielen, das musikalisch völlig aus dem Rahmen fällt und wie ein fremdes Licht in diesem Dschungel von Dekonstruktionen ein bißchen Trost verbreiten hilft. Dieses Instrumentalstück (Segmente, 1992 komponiert) gehört eigentlich nicht zur Oper dazu, man braucht es aber, um einmal tief durchzuatmen und Distanz zu gewinnen. Regisseur Hans Neuenfels nutzt diese Aus-Zeit für ein kleines, kokettes Bilderrätsel, eine Pantomime: ein Mädchen in weißer Bluse wird zwischen zwei knackigen Kerlen hin- und hergeschubst, der eine trägt Sträflingskleidung und ist Genet selbst, der andere, ein lockiger Jüngling mit Schlachterschürze, mag Neuenfels sein. Die Kerle küssen sich, das Mädchen geht. Es kehrt zurück mit einem riesigen, weißen Buch unterm Arm: die Partitur! Sie läßt die beiden Jungs kurz einen Blick hineinwerfen und zieht dann triumphierend ab.

Die Musik, Adriana Hölszky haben obsiegt. "Die Schwester Mozarts trifft ihren Bruder", übertreibt Neuenfels im Programmheft, etwas Wahres ist daran: "Die fauchende Katze spielt gleichwertig mit dem heulenden Hund. Hingesogen zu sein, ohne aufgefressen zu werden: das haut dem gängigen Klischee ,Frau` den Schwanz ab." Genets "Wände" bleiben das höllische Stück über Krieg, Haß, Tod, Verrat und alle Niedertracht der menschlichen Kreatur. Dadurch, daß es "in Musik" gesetzt wurde, ist es kein bißchen erträglicher, nur eben ein ganz neues, anderes Stück geworden. Leichter zu nehmen, mitunter sogar lächerlich vergnüglich wurde der Abend dank der ironisch verfremdenden Regie von Neuenfels, der tief in die alte Trickkiste mit den Knallfröschen langte, mit denen man brave Bürger schreckt: von halbierten Pferden mit riesigen Erektionen über nackte Hintern und bammelnde Genitalien bis hin zu einem von Kopf bis Zeh schwarzbraun bemalten Lustknaben, der mit weiß gepuderter Mozartperücke und blutroter Rose im Arsch als running gag durch die Totenlandschaften wa nderte: ein kleiner perverser Rosenkavalier. Ein fesches Zitaterl: Die Zeit ist ein sonderbar Ding. Für Hölszkys neue Oper ist die Uhr am Samstag, nach nur vier Vorstellungen, vorerst abgelaufen. Welche Bühne wagt die Übernahme?