Er will nichs mehr sagen. Gar nichts. Er will auch nicht, daß noch was geschrieben wird. "Laßt mich doch in Ruhe", meckert Gerhard Gundermann, "ich hab' genug am Hals wegen dieser Kiste." Die Kiste, das ist Gundermanns Vergangenheit. Mit elf Jahren Verspätung kehrte sie zurück: "Gundi", der singende Baggerfahrer, der in den neuen Bundesländern als eine Art Sprachrohr ostdeutschen Selbstbewußtseins gilt, war zwischen 1976 und 1984 nicht nur Texter und Komponist für den FDJ-Singeklub "Brigade Feuerstein". Sondern nebenbei auch noch der "IM Grigori" der Staatssicherheit.

Als Grigori gab Gundermann Briefe von Freunden ans MfS weiter. Er meldete Singeklub-Kollegen, die sich von einer Westtournee Funkgeräte mitbrachten. Und er teilte dem "Organ" alles mit, was er über die intimen Kontakte einer Bekannten zu einem französischen Bauarbeiter wußte. Gundermann war ein guter Spitzel. Der IM sei "ehrlich und zuverlässig", lobte sein Führungsoffizier, seine Berichte wurden als "umfassend und objektiv" geschätzt. Das MfS belobigt den "Kämpfer Grigori" mit der "Arthur-Becker-Medaille".

Und nun steht er da: Im blauweiß gestreiften Fleischerhemd wie immer, die Augen hinter der großen Goldrandbrille versteckt wie immer, und alle paar Minuten mit der Nase schniefend. Wie immer.

Nur die Leute beobachten ihn jetzt reservierter, scheint ihm. Aber das könnte Einbildung sein. Viele wissen es ja noch gar nicht. Denen sagt er es selber: "Ich habe mit dem MfS geredet", schnüffelt Gerhard Gundermann gleich nach dem ersten Lied ins Mikrophon, "und dazu stehe ich." Jetzt, wo die Akte nun mal "raus" ist, wie Gundermann es nennt, will er "offensiv damit umgehen". Die Fans hier in Berlin, wo Gundermann den ersten Auftritt nach der "Kiste" hat, klatschen solidarisch.

Die Karriere des Sängers aber, der hauptberuflich nach wie vor als Förderbrückenführer in einem Tagebau bei Cottbus arbeitet und in Ostdeutschland nicht zuletzt dieser Tatsache wegen als moralische Institution galt, ist zu Ende. Alle Türen, die dem Vierzigjährigen eben noch weit offenstanden, sind zugeschlagen. Die große Plattenfirma, bei der Gundermann demnächst einen lukrativen Vertrag unterschreiben sollte, hat ihr Angebot zurückgezogen. Mit dem Verlagsdeal wird es auch nichts. Radio Brandenburg, früher so etwas wie Gundis Haussender, hat ihn genüßlich hingerichtet. Das Stück "Ich mache meinen Frieden" zum Beispiel haben sie gespielt, denn da singt Gundermann: "Wer mich angeschissen hat / will ich nicht mehr wissen." Und "Sieglinde" natürlich, die Nummer, in der Gundermann einer verräterischen Freundin zu flotten Rockrhythmen verzeiht: "Sie sagen / Du hast mich belauscht / doch außer Dir hat mir nie einer zugehört / und schneller als das Wasser rauscht / hab' ich dir meine paar Geheimnisse diktiert". Dazu zwei, drei Zitate aus der Akte - das gab einen schönen Widerspruch zwischen Poesie und Petzbericht.

Auch Vivi Eikelberg, Chefin des Berliner Managementbüros Eikelberg's , das unter anderem Heinz Rudolf Kunze und Hermann van Veen vertritt, kann für Gundermann nichts mehr tun. "Nach dieser Sache hat Gerhard keine Zukunft mehr im Westen", bedauert die Managerin, die mit dem "hochtalentierten Texter und Komponisten" eigentlich schon handelseinig war. Das mit der Stasi, das hatte Gundermann ihr gleich gesagt. "Aber mehr so nebenbei", erinnert sich Vivi Eikelberg. Es sei auch alles ganz harmlos gewesen.

Inzwischen hat auch die Managerin die Akte "Grigori" gelesen und hat ihre Meinung ändern müssen: "Er hat ja doch Sachen getan, die man kaum entschuldigen kann." Nun ja. Zum Glück war der Vertrag noch nicht unterschrieben, die Platte noch nicht produziert. Anderenfalls, Vivi Eikelberg kennt das Geschäft, wäre es schlimmer gekommen: "Wir machen eine Platte, gehen auf Promoreise, und pünktlich packt irgendwer die Akte auf den Tisch."