Vom Himmel hoch, da komm' ich her", seufzen die Geigen aus verborgenen Lautsprechern. Bei Falk Reinhold erklingen das ganze Jahr über Weihnachtslieder. Sie gehören zu seinem Geschäft. Die meisten Passanten auf der Government Street, die am Schaufenster des "Original Christmas Village" vorbeigehen, tragen Shorts. Drinnen sind die Wände bis an die Decke behängt mit Weihnachtsmännern, Christkindchen, glitzernden Kugeln und Tannenzweigen aus unverwüstlichem Kunststoff. Eine Ladung fränkischer Glühwein traf frisch ein, deutsches Marzipan ist in Kanada auch außerhalb der Weihnachtssaison eine schöne Bescherung.

Vor zehn Jahren ist Reinhold mit Frau und Sohn an die kanadische Pazifikküste nach Victoria ausgewandert. Er verkaufte seine Firma für Autozubehör in Nürnberg und eröffnete im Zentrum der Provinzhauptstadt British Columbias ein Weihnachtsfachgeschäft. Seitdem macht Reinhold nicht nur gute Geschäfte, sondern auch Erfahrungen mit der Mentalität seiner neuen Landsleute. Sein Fazit: "Der liebe Gott macht's den Leuten hier zu leicht."

Auf den Ernst des Lebens gibt diese Stadt mit ihrem so unkanadisch milden Klima nicht viel. Im Westen, Süden und Osten grenzt sie mit ihren Buchten und Hügeln an die sanft plätschernden Küstengewässer der Strait of Georgia und der Strait of Juan de Fuca. Im Süden sorgen die Olympic Mountains und im Osten der 3400 Meter hohe Vulkankegel des Mount Baker, beide schon jenseits der Meeresstraßen im US-Bundesstaat Washington, für erhebende Ausblicke. Und Richtung Norden beginnt gleich hinter der Stadtgrenze am Highway 1 ein Abenteuerspielplatz von der doppelten Größe Schleswig-Holsteins für Angler, Segler, Jäger, Kanuten, Bergsteiger, Wanderer und Skifahrer: Vancouver Island.

"Man stelle sich Victoria so vor", notierte der britische Literaturnobelpreisträger Rudyard Kipling, "alles was das Auge bewundert in Bournemouth, Torquay und der Isle of Wight, arrangiere das Ganze in der Bucht von Neapel und stelle ein paar Himalaya-Gipfel in den Hintergrund." Als Kipling die Stadt um die Jahrhundertwende besuchte, waren ihre Tage als westlichster Außenposten des britischen Empire zwar offiziell schon vorüber. 1871 war British Columbia dem kurz zuvor gegründeten Dominion of Canada beigetreten. Gleichwohl schickte sich Victoria gerade Anfang des 20. Jahrhunderts an, seiner königlichen Namensgeberin alle Ehre zu machen und sich so herauszuputzen, daß sie heute noch englischer erscheint als England selbst. Als Stein gewordene Denkmale dieser Epoche flankieren die beiden bekanntesten Gebäude der Stadt den inneren Hafen: das monumentale viktorianische Parlamentsgebäude, in dem bei seiner Vollendung 1898 Provinzpolitik für kaum eine halbe Million Menschen gemacht wurde, und auf der anderen Seite der Government Street das "Empress"-Hotel aus dem Jahr 1908. Beide Bauwerke entwarf der britische Architekt Francis Rattenbury.

Dabei gilt die ganze Liebe der Victorianer seit der Einweihung dem von Efeu umrankten "Empress". Die "Kaiserin" ist das westlichste Exemplar jener Bauten, die als einziger eigenständiger Beitrag Kanadas zur Architektur der Jahrhundertwende gelten: die Eisenbahnhotels der Canadian Pacific Railways. Entlang dem 1886 vollendeten transkanadischen Schienenstrang errichtete die Eisenbahngesellschaft Luxusherbergen, die der reisenden Noblesse in den Zeiten der Goldsucher, Pelzhändler und Abenteurer unterwegs ein angemessenes Quartier schufen. Allen Häusern ist in ihrem Baustil eine Mischung aus englischem Landsitz und französischem Schloß eigen, womit sie auch auf einzigartige Weise die englisch-französische Prägung Kanadas symbolisieren.

Der Besuch des englischen Königspaars im Mai 1939 gilt bis heute als Höhepunkt in der Geschichte des "Empress"-Hotels. Es war dies zugleich die einzige Gelegenheit, zu der die legendäre "Empress"-Kapelle, die Billie Tickle's Toe Tappers, die englische Hymne "God Save the King" in voller Länge spielte. Bei allen anderen Anlässen hielt sich Tickle eisern an das Protokoll, in Abwesenheit des Königs nur die ersten sechs Takte zu intonieren, und ausländische Hymnen hat seine Band aus Prinzip nie gespielt.

Als "absurder Pomp der Aristokratie an der Grenze zur Wildnis" hat Victorias Chronist Bruce Hutchison das Treiben im "Empress" geschmäht. Die Einweihung des Hotels fiel in dieselbe Zeit, in der sich mit dem Bau des Panamakanals der Seeweg von Europa an die amerikanische Pazifikküste auf die Hälfte verkürzte und britische Kolonialbeamte und Offiziere Victoria als bevorzugten Alterswohnsitz auswählten. In Delhi, Hongkong und Kairo hatte sich herumgesprochen, wie vortrefflich es sich an der 45 Kilometer langen Wasserfront leben läßt. Die Neuankömmlinge überzogen die Stadt mit zahlreichen weitläufigen Parks und Gärten, deren bekanntester, Butchart's Garden, zwanzig Kilometer nördlich der Stadt liegt.