Ein Beratungsgespräch sollte es werden, als Boris Jelzin am vergangenen Freitag fünf junge Wirtschaftswissenschaftler im Kreml empfing. Doch bevor es zur Sache ging, erklärte der Präsident den Jungexperten erst einmal, wo es in der nächsten Zeit mit der russischen Wirtschaft langgeht. Die erste Etappe der Reformen nähere sich dem Ende, dozierte der Präsident. "Es bricht die Zeit der wirtschaftlichen und finanziellen Stabilisierung an."

Die Ökonomen widersprachen nicht, gibt es doch einige Anzeichen dafür, daß es endlich bergauf geht: Der Rubel fällt nicht mehr gegenüber dem Dollar; statt dessen kaufte die Zentralbank sogar Dollar, um den Kurs der amerikanischen Währung zu stützen, und besserte so ihre Devisenreserven auf. Auch die stetig fallende Inflationsrate gibt Anlaß zur Hoffnung. "Alle sind zufrieden", schrieb die Tageszeitung Kommersant, "sogar der Internationale Währungsfonds."

Noch nie war das Geldmengenwachstum seit Beginn der Wirtschaftsreformen im Januar 1992 über einen längeren Zeitraum so gering wie seit September vergangenen Jahres. Statt über die inflationsanheizenden Zentralbankkredite - wie bisher üblich - finanziert das Kabinett Tschernomyrdin das Haushaltsdefizit vor allem über die Plazierung von Staatsanleihen und den im April gebilligten Milliardenkredit des Internationalen Währungsfonds (IWF). Und das soll auch so bleiben.

Das ehrgeizige Programm kann in diesem Jahr Erfolg haben, und dabei spielt der Rubelkurs eine wichtige Rolle. Denn seit die üblichen Währungsschwankungen ausbleiben, lohnt es sich für die Geschäftsbanken weniger, an der Valutabörse zu spekulieren. Statt dessen tauschen sie ihre Dollarbestände gegen Rubel, um diese in die lukrativen Staatspapiere zu investieren. Die höhere Nachfrage drückte bereits die Zinsen. Mußte das Finanzministerium noch im Januar einen Jahreszins von fast 400 Prozent bieten, um die Staatsobligationen an die Banken zu bringen, sind es inzwischen nur noch rund 140 Prozent.

Doch der neue Sparhaushalt bleibt nicht ohne Folgen für die russischen Unternehmen, Finanzinstitute und Bevölkerung. "Jetzt geht's ans Eingemachte", sagt Charles Blitzer, Chefvolkswirt im Weltbankbüro in Moskau. Betroffen sind vor allem die alten Staatsunternehmen und die Landwirtschaft. Mehr schlecht als recht sind viele marode Betriebe durch Subventionen, Vorzugskredite und Steuerstundungen bisher vor dem Bankrott bewahrt worden. Möglich war das nur, weil sich die Regierung immer wieder der Notenpresse bediente.

Hält Ministerpräsident Wiktor Tschernomyrdin sein Wort, dann wird diese Art der Verteilung von Staatsgeldern auf ein Minimum reduziert. 1995 sollen die Staatsausgaben nur noch rund 15 Prozent des Bruttosozialprodukts betragen. 1992 waren es einschließlich der direkten Zentralbankkredite an Industrie und Landwirtschaft noch 44 Prozent, 1994 rund 22 Prozent. Mit dieser einst von ihm selbst verpönten Politik des knappen Geldes will der Exkommunist Tschernomyrdin die Inflationsrate bis Ende des Jahres auf ein Prozent monatlich drücken.

Die Probleme sind vorhersehbar: Mit jedem Prozentpunkt, den die Inflation sinkt, wachsen die