Der Weg war steil, der Wind pfiff kalt um die alte Ruine Greifenstein. Grün und tief lagen die waldigen Täler ringsum. Und dann sang eine Nachtigall. Überall sonst wählen die Leute sich die Finger wund, um den vom Aussterben bedrohten Vogel des Jahres wenigstens vom Band der Telekom zu hören. Nun sang er hier, etwas abseits der Ufer der Lahn.

Warum wunderte uns das? Ist Hessen, in meinen Gedanken dominiert von der gräßlichen Industriewüste um Frankfurt, nicht auch das Land der Brüder Grimm? Das Land Dornröschens, Rumpelstilzchens und Rapunzels? Des "lauschigen Lahntals" und seiner Burgen?

An der Lahn wollten wir entlangfahren, dem - neben dem Main - hessischsten aller Flüsse; einem Gewässer für Kanufahrer, Radfahrer und Wanderer, in weiten Teilen noch naturbelassen, auch wenn die Täler, wie überall, sträflich zersiedelt werden (ein Prozeß, der nach den Überschwemmungen der vergangenen Jahre nun vielleicht zum Stillstand kommt). An den Hängen, auf den Hügeln der Lahn haben sich kleine Städte eingenistet, unaufdringlich, unspektakulär und im Baustil zum Teil erstaunlich unverdorben.

Und so begannen wir bei Burg Greifenstein (obwohl, das sei gestanden, gerade die etwas abseits liegt - zur Einstimmung, auch in die Geschichte der Gegend, aber durchaus zu empfehlen ist). Einst war diese Ruine eine der größten Festungen im Westen Deutschlands, ein Sitz der Grafen Solms, und eine weitläufige Anlage, aber zerfallen im Lauf der Jahrhunderte, auf der rauhen Höhe des Westerwalds dem Sturm und dem Regen schutzlos ausgesetzt. Bis 1969 ein Anfall von Bürgergemeinsinn die Rettung der Reste beschloß. Es wurde restauriert, konserviert, freigelegt, soweit das Geld reichte. Nun steht man auf Greifenstein in einer schönen Barockkirche, mit weißem Stuck und türkis bemalt, dorfkirchenklein in den Proportionen. Eine Treppe führt hinunter in verlieskalte untere Stockwerke. Und dort, vorerst nur roh erhalten, die alte Schloßkapelle, reinste Gotik: eine Doppelkirche also, eine der wenigen, die es in Deutschland gibt.

Nicht die einzige Überraschung. Am Eingang, im alten Geschützturm, der "Roßmühle", hat das Deutsche Glockenmuseum seinen Platz gefunden. In nächster Nähe zur Burg hatte seit 400 Jahren die Glockengießerfamilie Rincker gearbeitet und gesammelt. Fast fünfzig Glocken aus neun Jahrhunderten stehen und hängen auf den sechs Ebenen des großen Rundbaus, so schwer und wuchtig die einen, daß ihr dunkler Klang nach dem Anschlagen lange nach einem Ausgang zu suchen scheint, glockenhell andere, klein, fast spielerisch leicht.

Im Sommer gibt's Burgfestspiele in den Ruinen, Geschichten aus der Geschichte, von Liebe und Leid, Heirat und Krieg. Keine große Kunst, aber anrührend und atmosphärisch schon etwas Besonderes an lauen Juni- oder Juliabenden - auch wenn es nie richtig warm werden will hier oben auf der zugigen Höhe. Das mag einer der Gründe gewesen sein, warum die Grafen Solms auf Greifenstein ihren Stammsitz ziemlich sang- und klanglos aufgaben, als sie 1693 ein anderes Schloß erbten: Braunfels. Sie zogen von den Hügeln hinab ins Lahntal - gemessen am Klima des Westerwalds, ziemlich rheumasicher.

In Braunfels sieht - man kann die Umzugslust der Solmser Grafen verstehen - nicht nur die Burg so aus, als sei sie einer Frühausgabe der Grimmschen Märchen entsprungen. Der ganze kleine Ort ist fast unwirklich, um den Markt herum, die Straße zum Schloß hinauf wie die Miniaturausgabe eines Städtchens, ein Fachwerkidyll, heutzutage natürlich, wegen all seiner Schmuckheit, touristisch vermarktet. Das Schloß ist nach wie vor Privatbesitz, wenn auch zu besichtigen, und Graf von Oppersdorf, der jetzige Hausherr, kann bei seiner Führung kaum ein Ende finden mit seinen Geschichten, seiner detailverliebten Begeisterung für Kapelle und Rittersaal, für die Galerie mit Jagdgemälden und den Ahnengang - ein Schloß, das, mitsamt seiner Geschichte, nicht nur Museum ist, sondern lebt.