Berlin ist ein Ort, wo sich alles ändert, und da die Gegenwart zu einem höchst provisorischen Durchgangsstadium geworden ist, muß es uns interessieren, welche politischen Themen jetzt, im Wahlkampf, ins Zentrum geraten. Was wird das fragwürdige, fragliche Ganze symbolisieren?

Die CDU profiliert sich mit zwei Themen: mit Straßenumbenennungen, beispielsweise mit der Streichung der Namen Clara-Zetkin-Straße und Bersarinplatz, und sie startet einen ordnungspolitischen Angriff auf die Grünflächen. Vor kurzem wurde ein Gesetzesantrag für ein "Grünanlagenschutzgesetz", kurz "GrünanlSchG", eingebracht. Es ist der erste Gesetzesentwurf, den die CDU ohne Koalitionsabsprache mit der SPD auf den parlamentarischen Weg gebracht hat.

Die elf Paragraphen des "GrünanlSchG" drehen sich vor allem um einen Pflock, um ein Dauerthema: die Okkupation des heiligen Rasens durch die sommerliche Grillfamilie, insbesondere durch die türkischen Großfamilien. Die Zeitungen haben es spöttisch kommentiert. "Große Koalitionen führen nun mal zu kleinen Themen", schrieb Der Tagesspiegel. In der Tat liegt es nahe, über die Große Koalition als Pakt zur Vermeidung von Alternativen nachzudenken. Aber wenn auch der CDU- Vorstoß als politische Ersatzhandlung erscheint, so wissen wir doch mit Freud, daß Ersatzbefriedigung auch Befriedigungsersatz ist, und insbesondere ein Ersatzkonflikt treibt gern ins Bittere, Fundamentalistische. Dieser überaus vertraute Konflikt gehört zur Westalgie, die in Berlin genauso grassiert wie die Ostalgie. Es geht um den schönen alten Anspruch der Wilmersdorfer Witwen auf den reinen Rasen gegen die Apologeten der multikulturellen Gesellschaft, die die Vereinigung der Stadt vor allem deswegen bedauern, weil sie die türkische Minderheit einschüchtere.

Der banale Kern des Konflikts ist die Unfähigkeit der Bezirksbehörden, für Grillreste und ausgeglühte Kohlen geeignete Abfallbehälter aufzustellen. So etwas führt in Deutschland natürlich schnell zu einem "GrünAnlSchG". Ansonsten aber haben wir es keineswegs mit einem multikulturellen Idyll zu tun. Auf der öffentlichen Rasenbühne haben die hochgerüsteten türkischen Großfamilien die kulturelle Hegemonie gegenüber den lagernden Singles erobert. Nicht nur Grillschwaden, auch eine kakophonische Beschallung durch türkische Schlager aus Hunderten von Radiorecordern liegen über dem Grün. Es wird nicht kommuniziert und nicht integriert. Man geht sich schlicht auf die Nerven. Aber der Großstadtbewohner behält auch die Nerven. Und wenn die Politik etwas schützen, befördern sollte, dann diese Fähigkeit, die Nerven zu behalten. Die CDU aber schlägt sich auf die Seite der provinziellen Verstörung, gegen großstädtische Gelassenheit.

Auch in der Straßenumbenennung arbeitet ein ordnungspolitischer Furor. Daraus entspringt im übrigen die einzig klare Linie, die der verkehrspolitische Chaot Herwig Haase, Berlins Verkehrssenator, verfolgt. Der Regierende Bürgermeister hat nun gebremst und die Umbenennung des Bersarinplatzes, benannt nach dem ersten sowjetischen Stadtkommandanten, storniert. Die Stadt müsse "auf Risiken internationaler Mißverständnisse achten". Er fürchtet, daß die Achse Paris-Berlin-Moskau am östlichen Ende eiert. Aber, so befand Diepgen, die "Adresse des demokratisch gewählten Parlaments der Bundesrepublik Deutschland" könne nicht Clara-Zetkin-Straße heißen.

Es war nach der Wende richtig, ein paar Straßennamen zu korrigieren, insbesondere die Verewigung von verstorbenen Politbüromitgliedern im Stadtbild zu Ende zu bringen. Die Korrekturen waren legitim und auch der Akt der Korrektur selbst. Aber sinnvoll war er wiederum nur, wenn es damit auch dann erledigt war, ohne teutonischen Vollständigkeitswahn. Es ist pure Idiotie, nun Clara Zetkin posthum vor einen Ausschuß für undemokratische Umtriebe zu zerren und klären zu wollen, ob sie nun mehr Frauenrechtlerin oder Bolschewikin gewesen sei. Eine Verharmlosung wäre es jedoch, diese Politik als rechte oder antikommunistische Symbolhandlung hinzustellen. Es ist schlimmer. Es ist geistiger Putzzwang.

Nichts ist verfehlter als die Absicht, Hauptstadtkultur aus dem Großreinemachen zu erzeugen. Die Politik in dieser Stadt darf nicht auf der Seite der sauberen Lösungen und der entsprechenden Lösungsmittel stehen. Sie kann nur Haltung annehmen, und zwar die Haltung, die die Berliner angenommen haben: die Haltung der guten Nerven und der leichten Schulter. Die große Veränderung hat ironische Verhältnisse gezeitigt, und das Paradox ist der Königsweg zur Stadtidentität. Berlin wird beschädigt, wenn die politische Klasse Posemuckel inszeniert und der Metropole eine Frühschoppenkeilerei überstülpt, nur weil sie angesichts der historischen Herausforderung überfordert ist.