Die Erforschung des Genozids an den europäischen Juden hat sich in den letzten Jahren der Frage zugewandt, unter welchen Bedingungen sich dessen Implementierung vollzog und ob und wann ein förmlicher Befehl Adolf Hitlers zum systematischen Massenmord ergangen ist. Desgleichen ist strittig, ob die "Endlösung" bereits im März 1941 oder erst zu einem späteren Zeitpunkt beschlossene Sache war.

In seiner Studie hat der Berliner Historiker Götz Aly einen grundlegend neuen Weg beschritten, um diese Fragen zu lösen. Er geht von einer engen Verschränkung des Holocaust mit der vom Regime gleichzeitig betriebenen umfassenden "Umvolkungspolitik" in Ost- und Südosteuropa aus, die in der Forschung bisher nur untergeordnete Beachtung gefunden hat. Aly zeigt, daß die im Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt und den Zusatzverträgen vereinbarte Rücksiedlung der Baltendeutschen sowie der wolhynischen und galizischen, später auch der bessarabischen und bukowinischen Volksdeutschen den entscheidenden Anschub für die Aussiedlung großer Teile der polnischen und jüdischen Bevölkerung aus dem Warthegau und anderen annektierten Gebieten gab. Erst das Scheitern des Aussiedlungskonzepts - so seine These - machte Reservatslösungen obsolet und führte "zum Bau und Betrieb der Vernichtungslager".

Bei Auswertung der Akten der Umwandererzentralstelle Posen/Litzmannstadt sowie der Volksdeutschen Mittelstelle, der Einwandererzentralstelle und der Deutschen-Umsiedlungs-Treuhandgesellschaft stieß Aly auf wichtige Dokumente, die die Zwischenstufen zur "Endlösung" und die Sichtweise der SS-Stäbe auf der mittleren Ebene neu beleuchten.

Nach den Darlegungen des Autors ist es unbezweifelbar, daß Heydrich und Himmler bis in den Spätherbst 1941 eine Lösung der "Judenfrage" von (regelmäßig scheiternden) Reservatslösungen erwarteten und daß der Madagaskar-Plan von ihnen ernstlich verfolgt und die davon erwartete Absiedlung der Juden im Generalgouvernement durch deren Ghettoisierung eingeleitet wurde. Die "überstürzte" Rücksiedlung von mehr als einer halben Million Volksdeutscher, die in die Zuständigkeit Himmlers als "Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums" fiel, verschaffte dem längst ins Auge gefaßten Mittel der Deportation ein zusätzliches realpolitisches Motiv, wenngleich zunächst die polnische mehr als die jüdische Bevölkerung davon betroffen wurde, da es in erster Linie um die Ansiedlung bäuerlicher Bevölkerung ging. Aly kann zeigen, daß die Deportation von 2000 Juden aus Stettin in der Absicht erfolgte, deren Wohnungen jenen (in den gleichen Zügen herantransportierten) Baltendeutschen zur Verfügung zu stellen, die ihrer seemännischen Berufe wegen schwerlich im Warthegau (dem Hauptauffangraum) untergebracht werden konnten.

Gleichwohl scheiterte das Umsiedlungsprogramm auf der ganzen Linie. Die mit der Ab- und Umsiedlung befaßten Dienststellen manövrierten sich in eine Zwangslage hinein, deren Endpunkt nicht mehr die "Umsiedlung", sondern die systematische Liquidierung des Judentums war. Dafür stand das Euthanasie-Programm in doppelter Weise Pate, indem es einerseits die Tötungsmittel bereitstellte, andererseits die Gewöhnung an moralische Indifferenz vorantrieb.

Der Genozid rückt damit in den Zusammenhang des völligen Fiaskos der Umsiedlungsmaßnahmen. Zwangsghettoisierung und Abschiebung der Juden ins Generalgouvernement stellten in den Augen der Planer stets nur eine Zwischenlösung für die geplante "Endlösung" dar, die nach der Aufgabe des Madagaskar-Plans in der Deportation in ein näher festzulegendes Territorium "im Osten" bestehen sollte - seien es die Pripjetsümpfe oder, wie Heydrich erwog, das Eismeergebiet jenseits des nicht mehr errichteten Reichskommissariats Moskau.

Aly spricht in diesem Zusammenhang von einem "zweigleisigen Gesamtkonzept zur mittelfristigen biologischen Vernichtung", das neben der Liquidierung der arbeitsunfähigen Juden, die Odilo Globocnik mit Hilfe des T4-Apparats und der Errichtung des Vernichtungslagers in Chelmno bereits in Gang gebracht hatte, deren Abschiebung in die "kommunistischen Lager" im Osten vorsah, ohne daß an eine ausreichende Versorgung gedacht war. Heydrichs Ausführungen auf der Wannsee-Konferenz spielten auf die von Globocnik eingeleiteten Maßnahmen, darunter den Rollbahnbau durch die Juden und das Konzept an, sie analog zu sowjetischen Methoden im Treck ins Deportationsgebiet zu schaffen, wo die restliche biologische Vernichtung, sofern sie nicht unterwegs erfolgt war, "auf natürlichem Wege" eintreten sollte.