Sagt ein Titel wie "Der Enkel" noch etwas aus über die Ära Kohl, an deren Analyse sich nun auch der Spiegel-Redakteur Wolfram Bickerich versucht? Der Hinweis auf die politische Abstammung erinnert allenfalls noch an die politisch-biographische Verzahnung von Ende und Anfang ("Helmut Kohls Karriere begann, als die seines Idols Konrad Adenauer verlöschte: 1963") - und auch daran, daß er nach Amtsjahren bald, am 27. Oktober 1996, den ersten Kanzler der Bundesrepublik wird übertroffen haben: "Rekordkanzler, Titelträger, schon deswegen historische Figur."

Doch wie haben sich die politischen Leidenschaften verändert! Damals, nach der letzten Kanzlerwahl Adenauers im Jahre 1961, Spekulationen allerorten, ob er wirklich geht und wann. Heute, nach der vorgeblich letzten Kanzlerwahl Kohls, scheint dies den meisten ziemlich gleichgültig zu sein. Voreilig erscheint deshalb Bickerichs Prognose: "Es war, daran gibt es keinen vernünftigen Zweifel, die letzte Kanzlerwahl des Helmut Kohl." Wenn er sich da nur nicht täuscht. In seiner Freiheit, jeden Tag klüger zu werden, steht der Enkel seinem Vorbild nicht nach.

Der Kanzler war und ist ein Virtuose der Macht, und irgendwie paßt er auch zur deutschen Gesellschaft. Darin sieht Bickerich die Gründe für seinen Erfolg. "Er ist ein Mann, der dem deutschen Kleinbürger auf den Leib geschrieben ist." Mit diesen Worten, die der Autor zustimmend zitiert, wollte der Sozialdemokrat Wilhelm Dröscher schon frühzeitig seine Partei davor warnen, Kohl zu unterschätzen. Aber sie verraten beides: eine halbe Wahrheit und einen ganzen Irrtum. Anders als manche (viele?) Sozialdemokraten hat Kohl seine Landsleute nie als Kleinbürger betrachtet und verachtet, ganz im Gegenteil: "Er läßt sie spüren, er sei wie sie. Da ist keine eisige Überheblichkeit wie bei Helmut Schmidt, kein Selbstzweifel wie bei Willy Brandt, keine Wortverliebtheit wie bei Strauß, kein Belehrungswille wie bei Weizsäcker." Da hat Bickerich wohl recht. Doch die Alternativen dazu sind nicht einfach "die Tugenden des Kleinbürgers", sondern, etwa, auch die Routinen einer behaglichen und bequemen Normalität - und Helmut Kohl als ihr herausragender Repräsentant.

Bickerichs Buch ist über die Person und Politik Kohls hinaus anregend. Der Autor kritisiert zu Recht "eine intellektuelle, aber auch emotionale Stagnation - kein Reformer weit und breit, nur Praktiker der Machtverwaltung"; er erinnert an jene, die wie Willy Brandt, John F. Kennedy oder Bill Clinton "erfolgreich um einen nationalen Aufbruch kämpfte". Doch hier spätestens hätte es sich angeboten, über die unterschiedlichen Stile und Formen der Politik nachzudenken, die Bill Clinton und Helmut Kohl verkörpern. Der eine war bei Wahlen auch deshalb erfolgreich, weil er die Bürger nicht weiter mit Zukunftsproblemen belastet hat. Der andere, Bill Clinton, hat es dagegen schwer, weil er, der Letzte aus dem Geiste der politischen Aufklärung, noch an den Auftrag der Politik glaubt, im öffentlichen Diskurs Mehrheiten zu mobilisieren, um gesellschaftliche Probleme zu lösen. Was aber ist, wenn die Formeln zur Macht und die Formeln für eine erträgliche Zukunft auseinanderfallen?

Der Nutzen des Buches liegt denn auch weniger in der Analyse. Bickerich gibt einen Überblick über die Ereignisse und Entwicklungen der vergangenen 25 Jahre. Es ist nicht der erste und nicht der letzte, aber ein nützlicher Beitrag zu einem wenig aufregenden Kanzler in einer aufregenden Zeit.

Wolfram Bickerich:

Der Enkel