Der Fall Thomas H. ist zunächst ein Exempel für die nicht ungewöhnliche Entwicklung eines jungen Straffälligen: Erziehungsschwierigkeiten zu Hause und in der Schule, Schulabbruch, Krach mit den Eltern, Auszug aus dem Elternhaus, Verlassen der Lehrstelle, ein Job als Türsteher in einer Diskothek, Alkohol, Gewalttätigkeiten bis hin zu versuchtem schwerem Raub, zwei Jugendstrafen . . .

Als Thomas H., 22jährig, wieder in Freiheit ist, kommt es zu einem Streit mit dem 39jährigen Freund, bei dem er sich aufhält. Alkohol, vielleicht Geld, auch eine sexuelle Anspielung des Älteren könnten mitgewirkt haben. Thomas greift zum Messer, tötet den anderen, zündet schließlich dessen Wohnung an, um Spuren zu verwischen. Notwehr nimmt ihm das Darmstädter Schwurgericht später nicht ab. Wegen Totschlags und schwerer Brandstiftung wird Thomas H., unter Einschluß früherer Taten, zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt. Das war 1983.

Sieben Strafjahre verbüßt er in Butzbach, Anfang 1990 erhält er erste Urlaube - die Restaussetzung der Strafe zur Bewährung zeichnet sich ab. Doch Thomas H. hat nicht genug Geduld. Er kehrt aus dem Sozialurlaub nicht zurück.

Es vollzieht sich eine erstaunliche Wende in seinem Leben: Thomas H. versteht es, sich nahe der Strafanstalt in seiner Heimat unter dem echten Namen durchzuschlagen. Der Strafgefangene reüssiert zum Sozialwissenschaftsstudenten. In der Redaktion einer Gießener Tageszeitung geht er aus und ein, arbeitet mit an mehreren Forschungsprojekten über Bevölkerungseinstellungen, auch am "Politbarometer", das von der Zeitung gesponsert wird. Beteiligte Professoren loben seinen Sachverstand, seine Verläßlichkeit und seine Geschicklichkeit als Interviewer und Verfasser von Projektberichten. Selbstbewußt, nicht ohne hochstaplerische Attitüde, aber auch vertrauensselig zimmert er sich, wie man so sagt, eine bürgerliche Existenz. Geschickt vermeidet er es, Verträge zu unterschreiben, sich bei der Gemeinde oder an der Universität einzuschreiben, Leistungsnachweise oder gar Examina förmlich zu erbringen; bundesweit wird er ja mit Vollstreckungshaftbefehl gesucht.

Gegenüber dem Zeitungsredakteur erwähnt er beiläufig, das juristische Examen hinter sich und schon einige hundert Seiten der soziologischen Doktorarbeit fertiggestellt zu haben. Gelegentlich mokiert er sich über anonyme Delinquenzbefragungen, in denen Jurastudienanfänger sogar nach Straftaten ausgeforscht werden, derentwegen sie schon polizeilich vernommen worden seien. Tatsächlich erinnern sich Kriminologen, ein Student habe mal ein Tötungsdelikt angegeben. Man vermutete damals bloßen Spaß. Oder sollte es Thomas H. gewesen sein? Etwas undurchsichtig ist seine Bezahlung als studentische Hilfskraft. Motorrad und Auto sind auf den Namen seiner Verlobten und den ihres Vaters zugelassen.

Über ein aus der Forschungsarbeit hervorgegangenes Buch zum Image der Stadt Gießen - Thomas H. ist Mitautor - spricht er auf einer Pressekonferenz des Oberbürgermeisters Ende April dieses Jahres. Anfang Mai folgt ein Referat über das Image der Polizei mit Verbesserungsvorschlägen im Kreise des Polizeipräsidenten. Dessen Sprecher bietet ihm sogar an, "als Ergänzung zu seinen empirischen Studien über die Polizei Einsätze bei uns mitzufahren".

Soweit ist dies vielleicht eine Art mittelhessischer Köpenickiade oder - wie später der Polizeisprecher meint - die Geschichte eigenständiger Resozialisierung. Doch nun gewinnt die Provinzposse bundesweite Dimension und Fragwürdigkeit. Zwei Tage nach dem Polizeivortrag strahlt das ZDF in seiner 275. Sendung "Aktenzeichen XY - ungelöst" eurovisionsweit die Personenfahndung nach Thomas H. aus. Man will des aus dem Urlaub Entwichenen habhaft werden. Landeskriminalamt und Staatsanwaltschaft Darmstadt hatten als "Standardmaßnahme" und "nach eingehender Prüfung" den Fall an Eduard Zimmermann weitergereicht, zwölf Jahre nach der Tat - sieben Strafjahren mit absehbarer Entlassung und weiteren fünf Jahren unauffälligen Lebens. Die Polizei erachtete Thomas H. als nicht gefährlich, hegte keinen neuen Tatverdacht.