Wenn alles vergeblich war, überlegt der Mensch gerne, was daraus nun zu lernen sei. So war es auch letzte Woche, als Richter Klaus-Dieter Walden, Vorsitzender der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Münster, im sogenannten Montessori-Prozeß das Urteil verkündete. Zu klären war: Hatte der Kindergartenerzieher Rainer M. in den Städten Borken und Coesfeld Kinder sexuell mißbraucht? Sadistisch gequält? Gemeinschaftlich mit anderen für pornographische Zwecke benutzt, wie Kinder, mehr als fünfzig, ausgesagt hatten (ZEIT Nr. 20/93 und Nr. 30/94)? Nach einer zweieinhalbjährigen Verhandlung, der Vernehmung von an die hundert Zeugen, der Anhörung von zwei Gutachterinnen, drei sachverständigen Professoren, nach 120 Verhandlungstagen mußte das Gericht einräumen: "Es ist uns nicht gelungen, die Wahrheit herauszubekommen." Das Urteil: In dubio pro reo. Freispruch.

"Wenn die Erfahrung dieses Prozesses überhaupt etwas Positives gebracht hat", sagte der Richter, "dann ist es die Erkenntnis, daß es in einem Mißbrauchsverfahren absolut entscheidend ist, ob die Kinder völlig vorurteilsfrei und frei von Suggestionen befragt worden sind."

Damit hatte er angedeutet, daß das Urteil weit über den verhandelten Fall hinaus Bedeutung haben könne. Die Anklage war unter dem Verdacht zusammengebrochen, die Eltern hätten durch die Befragung ihrer Kinder deren horrende Aussagen erst produziert. Kann ein solcher Verdacht je zweifelsfrei ausgeräumt werden? Sind in Mißbrauchsverfahren Verurteilungen jetzt überhaupt noch möglich?

Grund für die Ratlosigkeit der Kammer war die Entwicklung der Kinderaussagen. Sie waren langsam, unheimlich, zur Flut angeschwollen.

"Rainer steckt mir immer den Finger in den Po", hatte der vierjährige Michael am 7. November 1990 einer Freundin seiner Mutter eröffnet (Name geändert, d. Red.). Drei Monate zögerte die Familie, bis sie am 25. Februar 1991 der Kindergartenleitung ihren Verdacht mitteilte. Dem Erzieher, bis dahin unbescholten, engagiert, beliebt, wurde gekündigt, er wurde angezeigt. Die Eltern begannen ihre Kinder zu befragen.

Bis zum Herbst 1991 gab es, sagt die Staatsanwaltschaft, acht polizeilich dokumentierte Kinderaussagen. Im Frühjahr 1992 beschuldigte ein Mädchen einen weiteren Erzieher. Am Ende wurde gegen fünfzehn Personen ermittelt.