Die Stadt Nürnberg hat einen Internationalen Menschenrechtspreis gestiftet, der am 17. September erstmals verliehen werden soll - bewußt also als Mahnung am 60. Jahrestag der Verkündung der nationalsozialistischen Rassengesetze. Der neunköpfigen, international zusammengesetzten Jury gehören unter anderem Václav Havel und Richard von Weizsäcker an. Zum ersten Preisträger wurde der russische Menschenrechtler Sergej Kowaljow bestimmt.

Moskau

Es ist stiller geworden um Sergej Kowaljow, zumindest in den Medien. Der Vorsitzende der russischen Menschenrechtskommission, dessen Name zum Symbol für den Widerstand des menschlichen Gewissens gegen Rußlands Kriegsgreuel in Tschetschenien wurde und dessen leise Stimme den "schrecklichen Vorhang der Lügen" (so Expremier Jegor Gajdar) durchdrang, steht nicht mehr im Rampenlicht der Weltpolitik.

Wie Kowaljows Aufrufe sind auch die Meldungen über diesen so furchtbar ausgeweiteten "kleinen siegreichen Krieg" auf die Innenseiten der Zeitungen gerückt. Und in der Tat: Nichts Neues an der kaukasischen Front - das Debakel der russischen Armee zieht sich schon fast ein halbes Jahr lang hin. Die Gewöhnung der Öffentlichkeit an die menschenverachtende Abwicklung der "inneren Angelegenheit Rußlands" droht aus dem Bewußtsein zu verdrängen, daß die fortdauernde "Wiederherstellung der Verfassungsordnung" jeden Tag neue Menschenopfer und unermeßliches Leid bringt.

Gerade dieser Gewöhnung an die "Normalität" des Krieges widersetzt sich die alltägliche Arbeit Sergej Kowaljows. Ihr Anfang lag ja auch längst vor dem Dezember des vergangenen Jahres, als der herzkranke 65jährige Biologe mit vier weiteren Duma-Abgeordneten nach Grosnyj gereist war, um sich als "Schutzschild der russischen Legislative" gegen die Raketen- und Granateinschläge zu stellen. Der schmächtige Hüter der Menschenrechte hatte sich für die Verteidigung seiner bedrängten Mitbürger schon vor einem Vierteljahrhundert entschieden - mit der ihm eigenen Stille und Bescheidenheit. Und er war von der Sowjetmacht dafür dann bald mit zehn Jahren Lagerhaft und Verbannung "ausgezeichnet" worden.

Die Berufung des ehemaligen Dissidenten zum Leiter der "Kommission für Menschenrechte beim Präsidenten" im November 1993 änderte nichts am Wesen dieses fast schüchtern wirkenden, aber nie einzuschüchternden Mannes. Mit seinem schlichten, aber unerbittlichen Engagement ohne alle theatralischen Gesten verteidigte der Mitstreiter des Nobelpreisträgers Andrej Sacharow die Ideale der Bürger- und Menschenrechtsbewegung aus der kommunistischen Zeit auch gegen die neuen Herausforderungen.

Einer wie Sergej Kowaljow - da verrechnete sich Jelzin - läßt sich nicht zur demokratischen Ausschmückung eines autoritären Regimes anwerben. Als sich der Präsident im Dezember vergangenen Jahres von seiner eigenen Kremlgarde und den Macht-Ministerien hinters Licht führen ließ, ging sein Beauftragter für Menschenrechte im Feuer und in Frostnächten durch die Trümmer Grosnyjs als lebende Anklage des Terrorkriegs gegen die eigene Bevölkerung.