Mitte 1994 gründete die Thekenmannschaft einer Eckkneipe in Hamburg-Altona einen Sparverein. Die Bank stellte den "Sauren", so nannten sie sich nach ihrem Lieblingsschnaps, einen Schrank mit Sparfächern zur Verfügung, und bis zum Dezember 1994 sparten die fünfzig Mitglieder über 30 000 Mark an. Aber als die Summe vom Vereinssparbuch abgehoben und verteilt werden sollte, tauchte die Kassenwartin, die als Bedienung in der Kneipe arbeitet, plötzlich unter. Alarmiert eilte der Vorstand in die Bankfiliale, und siehe da: Statt 30 000 befanden sich nur noch 48 Mark auf dem Konto.

Nun wird der untreuen Kassenwartin und Serviererin Bärbel W. (38) vor dem Hamburger Amtsgericht der Prozeß gemacht. Zu diesem Ereignis hat sich der ganze Sparklub im Gerichtssaal versammelt. Die Empörung ist groß. Ein kräftiger Mann im Jeansanzug verlangt schlichtweg: "So, die Bärbel soll jetzt erst mal büßen." Eine ältere Dame im Hahnentrittkostüm erregt sich, noch beim Festessen vor dem Kassensturz habe "die Bärbel" tüchtig zugelangt. "Auf unsere Kosten, da dreht sich mir der Magen um."

Energisch muß der Richter für Ruhe sorgen. Und: "Damit keine falschen Hoffnungen aufkommen, Geld gibt es heute nicht zurück."

Irgendwann einmal hat sich Bärbel W. die Haare aschblond gefärbt, zentimeterlang ist ein stumpfes Braun inzwischen nachgewachsen. In einen alten Mantel gehüllt, hat sie sich in eine Ecke ihrer Sitzbank verkrochen, die Kumpane vom Sparklub würdigt sie mit keinem Blick.

Auch durch die Anklage läßt sich Frau W. keine Gemütsbewegung abringen, müde zuckt sie mit den Schultern: "Was soll ich schon sagen, so ist es gewesen." Aus Sicherheitsgründen habe man die Fächer des Sparklubs wöchentlich in Gegenwart von Zeugen geleert. Stets sei dabei ein Betrag zwischen tausend und zweitausend Mark zusammengekommen. Säuberlich habe sie das Ersparte in Listen eingetragen. Zeugen bestätigten mit ihrer Unterschrift - "Kalli", "Speedy" oder "Grelli" -, daß alles seine Ordnung hatte. Aber ob das Geld dann auf das Sparbuch eingezahlt wurde, kontrollierte niemand mehr.

"Das war wohl eine Lücke im System", unterbricht der Richter. "So kann man das sehen", gibt Frau W. zu. Zwei- oder dreimal habe sie das Geld auf der Sparkasse ja auch eingezahlt. Aber dann behielt sie das Geld für sich, und selbst das bereits eingezahlte hob sie bis auf die 48 Mark wieder ab. Sie habe es in Daddelautomaten gesteckt, behauptet Frau W. "Da hat sie das Geld wohl angelächelt: Nimm mich und verspiel mich", bemerkt der Richter, nun sitze sie hier vor ihm und zucke nur mit den Achseln, Reue könne man ja nicht gerade erkennen. Frau W. schweigt.

Der Zeuge Manfred M. erklärt dem Richter: "Wir geben nicht auf." Die "Sauren" hätten sich nach dem Debakel in die "Hoffnungsvollen" umbenannt. Sie seien alles "arme Schweine, arbeitslos und so". Da hätten sie sich zusammengetan, um sich auch mal was leisten zu können. Nichts Besonderes, "i wo", von dem Ersparten wollten sie keine Reise oder so einen "Schnickschnack" finanzieren. Der Kassensturz war nicht von ungefähr für Anfang Dezember geplant. "So vor Weihnachten, Herr Richter." Er habe seiner Frau eine Waschmaschine kaufen wollen, sagt Herr M., die meisten anderen hätten gespart, damit die Kinder was "Ordentliches unter dem Baum finden".