OBERHAUSEN. - Fast sein ganzes Leben hat Heinrich Kamke in dieser Siedlung verbracht. 1930, als er vier Jahre alt war, bezogen seine Eltern eines der Vierfamilienhäuser für Arbeiter. Sein Vater arbeitete damals auf der Gute Hoffnungshütte, so wie er selber später auch. Mit seiner eigenen Familie zog Heinrich Kamke vor 27 Jahren in eines der besseren Zweifamilienhäuser für Werkmeister. "Neun Kinder hab' ich hier großgezogen", erzählt er stolz. "Und wenn wer 'ne größere Wohnung gehabt hätten, wären's noch 'n paar mehr gewesen."

Inzwischen ist Heinrich Kamke Witwer und bewohnt seine Haushälfte allein, doch einsam fühle er sich nicht: "Das is' hier wie auf'm Dorf. Jeder kennt jeden, die Haustüren sind nie abgeschlossen. Im Sommer hocken alle draußen, da läuft in der Siedlung kein einziger Fernsehapparat", sagt er und fügt hinzu: "Auf'n elften Juni, auf'n Sonntag werd' ich siebzich." Dann werden sie alle kommen, die Kinder und fünfzehn Enkelkinder. Der Garten hinter Kamkes Haus ist riesig groß und ein bißchen verwildert. "Da spielen und toben die unheimlich gern. Im Altenheim würde mich doch keiner von denen besuchen."

Doch der pensionierte Stahlwerker befürchtet, auf seine alten Tage aus seinem Paradies vertrieben zu werden. Der Werkssiedlung, die heute Thyssen gehört, droht der Abriß. Schon einmal, Ende der siebziger Jahre, sollten die Bagger anrollen. Junge Leute besetzten die damals bereits leerstehenden Häuser. Der Abriß wurde verhindert. Inzwischen erhielten die Besetzer von Thyssen reguläre Mietverträge. Eine bunte Gesellschaft wohnt seitdem hier: pensionierte Stahlarbeiter, alleinstehende Mütter mit ihren Kindern, Künstler, Intellektuelle, Wohngemeinschaften und ausländische Großfamilien.

Erbaut wurde die Siedlung in drei Abschnitten ab 1899 für die Beschäftigten der Gute Hoffnungshütte. An fast allen Fassaden ist noch das GH-Zeichen als Stuckornament zu erkennen. Doch richtig fertig wurde die Siedlung nie; die Weltwirtschaftskrise stoppte den Bau 1929. Noch heute endet eine der drei Straßen, aus der die Siedlung besteht, als Sackgasse vor einem zugewucherten Gartengelände. Einst war dort eine "Konsumanstalt" geplant, aber nie gebaut worden. In den sechziger Jahren wurden außerdem einige Gebäude abgerissen. Heute umfaßt die Siedlung noch 22 Häuser mit 68 Wohnungen, in denen 230 Menschen leben.

Die Gute Hoffnungshütte gibt es inzwischen nicht mehr. Das ganze hundert Hektar große Areal, von der Siedlung nur durch die Osterfelder Straße, eine Hauptverkehrsader, getrennt, ist derzeit eine gigantische Baustelle. Eine "Neue Mitte Oberhausens" wird hier aus dem Boden gestampft - ein "Einkaufs- und Freizeitpark" mit schicken Läden, Kinos, Sportanlagen, einem Business Park, einer Mehrzweckhalle und 10 000 Parkplätzen (siehe ZEIT Nr. 36/1993).

Je mehr die Pläne für dieses Vergnügungszentrum Gestalt annahmen, desto stärker geriet auch die benachbarte Werkssiedlung wieder ins Blickfeld. Die Bewohner spürten, daß sie nicht ins Konzept dieses mondänen "Superhausens" paßten, und gründeten die Interessengemeinschaft "Riwetho"; der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der drei Straßennamen zusammen: Ripshorster, Werk- und Thomasstraße. Mit zahllosen Aktionen sorgte der Verein für so viel öffentlichen Wirbel, daß die Stadt Oberhausen vor vier Jahren schließlich einen städtebaulichen Wettbewerb nicht nur zum Erhalt, sondern sogar zur Erweiterung der Siedlung ausschrieb. Umgesetzt wurde von den Ideen jedoch noch nichts.

Seit einigen Wochen sorgen sich die Bewohner sogar, daß die Siedlung doch noch verschwinden soll. Auslöser war ein Beschluß des Oberverwaltungsgerichts (OVG) in Münster. Der ehemalige Besetzer und jetzige Mieter Volker Wilke, zugleich Stadtverordneter der Grünen im Rat, hatte gegen die "Neue Mitte" geklagt, weil er durch die Bauarbeiten auf dem belasteten Industrieareal und die Emissionen des künftigen Besucherverkehrs um seine Gesundheit fürchtete. Das OVG wies die Klage ab. Wilke habe gar kein Recht zu klagen, entschied das Gericht. Denn laut Bebauungsplan ist die Siedlungsfläche ein Gewerbe- und kein Wohn- oder Mischgebiet. Wohnen sei dort gar nicht zulässig. Lediglich für die im ehemaligen Stahlwerk Beschäftigten gelte eine Ausnahme.