Amerika und Europa haben gemeinsam den Kalten Krieg gewonnen. Werden sie nun, da der äußere Feind verschwunden ist, wieder in ihre alten Krankheiten verfallen, in Isolationismus und Nationalismus? Politiker und Diplomaten diesseits und jenseits des Atlantiks treibt diese Sorge um. Daher kamen sie auf die Idee, die Vereinigten Staaten, Kanada und die Europäische Union in einer "Transatlantischen Freihandelszone" zu vereinen. Da die wirklichen Sicherheitsfragen der Zukunft wirtschaftlicher und nicht militärischer Natur sind, soll "Tafta" als eine Art ökonomische Nato die atlantische Gemeinschaft zusammenhalten. Bundesaußenminister Klaus Kinkel propagiert Tafta, der Brüsseler Handelskommissar Sir Leon Brittan will die Idee prüfen lassen. Und in Washington wird das Thema zunehmend ernster genommen. Vorigen Freitag hielt Außenminister Warren Christopher dazu in Madrid eine Grundsatzrede. Tafta steht auf der Tagesordnung der internationalen Politik.

Die Idee ist bestechend: Freihandel schafft auf Dauer viel mehr Arbeitsplätze, als er kostet - die Europäer hätten ein Rezept gegen ihr Hauptproblem, die Beschäftigungskrise. Ein konsequentes Freihandelsregime könnte politischen Zündstoff aus der Welt räumen. Kein Hähnchenkrieg mehr, kein Stahl-, Nudel-, Rindfleisch- oder Filmstreit, der das transatlantische Verhältnis belasten könnte. Mehr Verflechtung, mehr Arbeitsteilung, mehr Wohlstand, mehr politischer Zusammenhalt.

All dies ist richtig, und doch ist das Spiel mit Tafta ein höchst riskantes Unterfangen. Ob sich die hohen Erwartungen erfüllen oder aber im Gegenteil politische und wirtschaftliche Instabilität zunehmen, hängt wesentlich davon ab, wie Tafta konstruiert sein wird: Verstehen sich Europäer und Nordamerikaner als Pioniere der globalen Wirtschaftsintegration, oder kapseln sie sich zusammen mit dem Sonderfall Mexiko ab in einem Club der Reichen, deutlicher: der reichen Weißen, was zumindest sozialpsychologisch von erheblicher Bedeutung sein könnte.

Grundsätzlich sind regionale Freihandelszonen eine zwiespältige Angelegenheit. Sie widersprechen eklatant dem Gebot der Nichtdiskriminierung, wie es in den Statuten der Welthandelsorganisation (WTO) festgelegt ist. Schließlich ist es ja gerade der Zweck solcher Vereinbarungen, daß sich deren Teilnehmer gegenseitig größere Vorteile einräumen, mithin den Rest der Welt diskriminieren. Andererseits erleichtern sie den innerregionalen Handel so sehr, daß sie von der WTO ausdrücklich zugelassen und unterstützt werden. Je mehr solche Handelsbündnisse sich allerdings nach außen hin abschotten, um so schlechter wird deren Bilanz. Vorbild im guten wie im schlechten ist dabei die wichtigste aller Freihandelszonen, die Europäische Union: Sie hat einerseits die Wirtschaftsgrenzen im Inneren praktisch abgeschafft, andererseits nahm mit der Vollendung des Binnenmarktes der Protektionismus nach außen wieder zu - etwa für Bananen, wobei die Deutschen von ihrem bisherigen liberalen Handelsregime Abschied nehmen mußten. Doch insgesamt haben die regionalen Wirtschaftsbünde der Weltwirtschaft wohl eher genützt als geschadet, jedenfalls haben sich die Schäden in Grenzen gehalten.

Aber nun geht es um eine neue Dimension. Würde Tafta Wirklichkeit, dann wären fast alle großen Industrieländer, mit Ausnahme Japans, in einem Club versammelt. Die Weltwirtschaft würde in zwei annähernd gleich große Teile zerfallen: Die eine Hälfte des Handels würde im Club der Privilegierten abgewickelt, die andere außerhalb. Entwicklungsländer würden einerseits per Dekret zu Handelspartnern zweiter Klasse, die Clubmitglieder würden sich andererseits selbst von den dynamischen Wachstumsmärkten Ostasiens abschließen. In Asien entstünde vermutlich eine eigene konkurrierende Freihandelszone, der

Handel nach den allgemeinen, für alle gleichen WTO-Regeln würde von der Regel zur Ausnahme.

Soll es so weit nicht kommen, darf Tafta kein geschlossener Club werden. Die Liberalisierung zwischen Amerikanern und Europäern muß offen bleiben, offen in zeitlicher, vor allem jedoch in geographischer Hinsicht: Handelsvorteile, die beide Seiten miteinander vereinbaren, müssen über kurz oder lang allen Ländern eingeräumt werden. Außenminister Warren Christopher hat sich in seiner Madrider Rede bemerkenswert deutlich und mit großer Präzision für diese zweite Option ausgesprochen: Tafta als Freihandelsmotor für die ganze Welt. Langfristiges Ziel müsse "die Integration der Volkswirtschaften Nordamerikas und Europas sein, im Einklang mit den Prinzipien der WTO". Das Tafta-Projekt stellt er unter eine klare Bedingung: Jede Vereinbarung über eine Freihandelszone muß "unser überragendes Ziel der globalen Handelsliberalisierung voranbringen und darf die Entwicklungsländer nicht benachteiligen".