Aus der Vogelschau sieht Burundi idyllisch aus: wolkenverhangene Berggipfel, bewaldete Hänge, grüne Täler und Savannen, dazwischen der silberne Spiegel des Tanganjikasees, groß wie ein Binnenmeer. Nach der Landung bestätigt sich der Eindruck, es handle sich um einen afrikanischen Ableger der Schweiz: gut asphaltierte, saubere Straßen, saftige Wiesen, auf denen Rinder mit weit ausladenden Hörnern weiden, von hochgewachsenen Tutsi-Hirten bewacht, entfernte Verwandte der alten Ägypter, die vor 400 Jahren nach Ostafrika einwanderten und die ackerbauenden Hutu, ein Bantu-Volk aus dem Kongobecken, unterwarfen.

Seitdem zieht der Streit der Volksgruppen seine blutige Spur durch die Geschichte Ruandas und Burundis, deren Einwohner - zu 14 Prozent Tutsi und zu 85 Prozent Hutu - einander periodisch massakrieren: 1972 wurden in Burundi 200 000 Hutu-Evolués, lese- und schreibkundige Angehörige der Unterschicht, von der Tutsi-Armee ausgelöscht, und beim bisher schlimmsten Völkermord im benachbarten Ruanda haben Hutu-Milizen 1994 eine halbe Million Tutsi niedergemetzelt.

"Sie schießen zuerst und fragen danach, wer du bist", sagt Benno Schulten, ein Holländer, der seit einem Jahr in Burundis Hauptstadt Bujumbura lebt und im Auftrag der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) Flüchtlingstransporte organisiert. Vergangenen Herbst hat er einen Konvoi mit dreißig Lastwagen von Äthiopien nach Burundi gelotst und unterwegs keinen einzigen Lkw verloren, wie er stolz hinzufügt. Die amharischen Fahrer riskierten ihr Leben, weil sie wie Tutsi aussehen. Vorige Woche hat ein Attentäter eine Granate auf die Ladefläche eines Lastwagens geworfen, der Flüchtlinge transportierte; es gab ein Dutzend Verletzte, der Fahrer kam mit dem Schrecken davon.

Weniger Glück hatte ein südafrikanisches Fernsehteam, dessen Auto auf der Rückfahrt nach Bujumbura von Unbekannten beschossen wurde. Der Wagen überschlug sich, und der Reporter Francis Victor wurde liquidiert, als er blutend aus dem Autowrack kroch; der burundische Chauffeur und Übersetzer des Teams kam ebenfalls ums Leben, nur der Kameramann hat den Anschlag schwerverletzt überlebt. Er hatte die Gräber der bei den jüngsten Unruhen Ermordeten gefilmt.

Eine seit Jahren in Burundi ansässige Belgierin wurde am 19. März an einer Straßensperre im Süden der Hauptstadt ohne Vorwarnung und ohne erkennbaren Grund aus nächster Nähe erschossen - zusammen mit ihrer vierjährigen Tochter und einem belgischen Freund, der in Burundi Ferien machte.

Wer tut so etwas und warum? Betrunkene oder durch Drogen aufgeputschte Teenager mit Kalaschnikows, Mitglieder der Hutu- oder Tutsi-Milizen "Sans Échec" oder "Sans Défaite", wie die Killerkommandos sich hochtrabend nennen; sie begehen Morde, um diese ihren politischen Gegnern in die Schuhe zu schieben. Das Ganze sei kein ethnischer Konflikt, meint Benno Schulten, sondern das Werk ehrgeiziger Warlords, die ihre Machtkämpfe auf dem Rücken der armen Bevölkerung austrügen. Waffen gebe es mehr als genug in Burundi als Hinterlassenschaft der Bürgerkriege im benachbarten Ruanda und Uganda, und die Flüchtlingslager hinter der Grenze zu Zaire seien voll von Kriegswaisen und arbeitslosen Jugendlichen, die nur darauf warteten, sich für das ihnen angetane Leid zu rächen.

Zwar ist seit Tagen alles ruhig in Bujumbura, und bei Nacht sind keine Schüsse oder Explosionen mehr zu hören, aber in der Luft liegt eine nervöse Gereiztheit, die sich jeden Augenblick gewaltsam entladen kann - trotz oder gerade wegen der ständigen Präsenz der Armee, die an allen strategischen Punkten der Stadt Straßensperren errichtet hat und jedes verdächtige Fahrzeug kontrolliert. (Der Eindruck bestätigt sich nach Ende dieser Reise. Vergangene Woche vertrieb die Armee Tausende von Menschen aus Bujumburas Hutu-Hochburg Kamenge.)