Nicht sauber, aber rein – Seite 1

Nicht sauber, sondern rein. Reingesteckt und doch nicht sauber. So ein Schwindel, so ein sauberer! Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft. Denn irgendwo hört schließlich der Spaß auf. In der Waschmaschine. In der Waschmaschine hört der Spaß auf und fängt der Ernst an. In der Trommel gelten andere Gesetze, da rechtfertigt der Zweck eben nicht jedes phosphatfreie Mittel.

Also, die Sache ist die: Sagt doch die Firma Funworld, es ginge alles noch sauberer mit Hilfe der "Cleancard". Die Cleancard, ein Plastikkärtchen, immerhin (laut Staatsanwaltschaft) einen halben Zentimeter dick, löse hartnäckigste Flecken auf einfältigste Weise: Einfach zusammen mit der Schmutzwäsche und ein wenig Waschpulver in die Maschine gepackt und - wischi, waschi - die ganzen Klamotten sind noch viel, viel bunter, noch weißer, noch kuscheliger, noch weicher und so weiter. Rein - und sauber eben. Macht für die Cleancard im Fünferpack satte 750 Mark.

Was ja eigentlich gar nicht viel Geld ist. Denn dank der Plastikkarte spart man schließlich neunzig Prozent Waschpulver. In fünfzig Jahren ist der Preis also locker wieder hereingespült. Und daß dieses Kärtchen Wunder vollbringt, das sagt auch die zufriedene Kundin Gisela G. aus 63679 Schotten-Burckhards. Frau G. schrieb überglücklich an die Firma Funworld: "Das größte Wunder zeigte sich an meinem Lieblings-Sweatshirt, über das mein Mann versehentlich Rotwein gegossen hatte. Nach nur einer Wäsche mit der Cleancard war nicht mehr die Spur eines Fleckens zu sehen." Glückwunsch, Frau G.!

Andere scheinen anderes erfahren zu haben. Jedenfalls beschlagnahmte die Berliner Kriminalpolizei am 23. Januar dieses Jahres während einer Verkaufsveranstaltung eine solche Karte und brachte sie zur Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM). Nun liegt der Prüfungsbericht einer interdisziplinären Forschergruppe vor, den wir der Öffentlichkeit nicht länger vorenthalten wollen. Hier Auszüge aus dem bis jetzt geheimen Papier:

Eine erste Röntgenaufnahme der Cleancard zeigte "zwei aus je zwei Stücken zusammengesetzte Gegenstände (Magnete) und einige schmale, nadelförmige Teile mit abgewinkelten Enden und gedrehtem Mittelstück". Aha, und was ergab die Computertomographie? "Die Computertomographie liefert sehr klare und eindeutige Schichtaufnahmen. Es gibt keine Hinweise auf einen Mikroprozessor, Chip, Batterie-Sender oder ähnliches".

Gut. Wie aber verhielt sich die Karte in der Praxis? Nun, die Herren und Damen Tester leerten Campari, Rote Bete, Trauben- und Möhrensaft über ihre Kleidung aus und legten sie zusammen mit der Waschkarte in einen Eimer Wasser. Ergebnis: "Es wurde einstimmig festgestellt, daß kein Unterschied zwischen den Behandlungen mit und ohne Waschkarte besteht." Vielen Dank.

Nun muß die Firma Funworld also damit rechnen, daß ihr der Prozeß gemacht wird. In Augsburg, Würzburg, Schweinfurt, Stuttgart und Berlin ermitteln die Staatsanwälte heftig. Frau Clementine und der weiße Riese sind als Zeugen geladen.

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Ein Urteil will auch Peter Gleim. Peter Gleim ist Repräsentant der Schweizer Firma, deren Name mit Spaßwelt oder Weltenspaß übersetzt werden könnte. Doch Herr Gleim meint es bitterernst. Er hat ein Gegengutachten von Professor Doktor habil. F. A. Popp vorliegen, wonach das Plastikkärtchen durchaus wirkungsvoll eingesetzt werden kann: "Die durchgeführte Untersuchung hat ergeben, daß nach Einsatz der Cleancard eine signifikante Veränderung von Wasser eintritt."

Inzwischen, so ist uns zugetragen worden, arbeitet ein weiterer Wissenschaftler im Harz schon an der Patentierung eines neuen Verfahrens. Ein Badewannenstöpsel, über Nacht zu dreckigen Socken in die Schüssel gelegt, soll ganz unglaublich signifikante Ergebnisse erzielen.