Außerhalb von Dutton, in der Nähe Shelbys, Montana, lebt Lawrence, Larry genannt, siebzehn Jahre alt, allein mit seinem Vater in Farmhaus. Es ist die Gegend, die Christa Reinig in einem frühen Gedicht so beschrieben hatte: "Hier ist nichts los - außer / daß alle kinder ahornnasen tragen." Die Mutter ist einige Monate zuvor, "am Ende eines langen Streitens", wie er es nennt, "gegangen". Abends, nach der Arbeit, liest ihm der Vater aus Zeitschriften oder alten Schulbüchern vor. Der Junge vermutet: "Es war einfach eine andere Art zu sagen, daß er ratlos war."

Beeindruckend sind nicht nur der Tonfall, die handwerkliche Perfektion, die Lakonie der Dialoge, die fast fatalistische Haltung der Figuren. ",Schon in Ordnung`, sagte ich" - zum Vater, über die Trennung. Beeindruckend ist auch die Fähigkeit, Spannung nicht aus der Handlung, sondern aus der Atmosphäre zu entwickeln, und dramatische Situationen wie beiläufig herunterzuspielen. Beeindruckend ist ebenfalls, wie in einer Floskel Begehren aufscheint und wie, ohne große Worte, Sehnsucht sichtbar wird.

Klar, daß die Größen der Kritik, die so gerne mit der Stimme des gesunden Menschenverstands sprechen, vor lauter Bewunderung anfangen zu krächzen. Klar, daß Uwe Eigenthor, der Prototyp des verunsicherten Lektors für deutsche Gegenwartsliteratur, das kleine Büchlein Richard Fords wie eine große Trophäe vor sich her schwenkt, um seinen, das heißt, um unseren deutschen Autoren zu demonstrieren, das ist die Literatur, die wir brauchen. Wirklich? Diesen sehr empfindsamen, gekonnten psychologischen Realismus?

Zweifellos ist Richard Fords kleine, nicht einmal hundert Seiten starke Novelle "Eifersüchtig" auf ihre Art (vorsichtig gesagt: fast) perfekt. Ford erzählt ja kaum von dem siebzehnjährigen Larry und seinem Vater. Die Mutter, die in Seattle lebt, um sich irgendwie weiterzubilden, tritt gar nicht auf. Die Figuren sind mit wenigen Strichen skizziert. Das Geschehen nur angedeutet. Dicht ist allein die Stimmung, Larry mag offenbar seine Eltern, doch schickt er sich ins Unvermeidliche. Jetzt, gleich eingangs des Buches, soll er von Doris, der Schwester seiner Mutter, abgeholt werden. Von Shelby, der nächsten Bahnstation aus, wollen sie zusammen mit dem Zug nach Seattle fahren. Die Wartezeit verbringen beide in einer Kneipe, gegenüber vom Bahnhof. Dort wird, vor ihren Augen, ein Mann erschossen, ein von der Polizei gesuchter Indianer. Als Larry, kurz vor Abfahrt des Zuges, noch einmal mit seinem Vater telephoniert, erzählt er es ihm: ",Wir haben heute gesehen, wie ein Mann in einer Kneipe erschossen wurde`, sagte ich einfach so zu meinem Vater." Vorher hatten sie über das Wetter gesprochen, den Schnee. ",Wie bitte`, sagte mein Vater, als hätte er mich nicht richtig verstanden. ,Was hast du gesagt?` ,Die Polizei hat's getan`, sagte ich. ,Es war niemand, den wir kannten. Es war ein Indianer.` ,Was um Himmels willen ist denn da los`, sagte mein Vater laut. ,Ich weiß es nicht`, sagte ich. ,Es ist alles in Ordnung.`" In dem Telephongespräch werden, was sonst gar nicht nötig scheint, die Besorgnis und die Zuneigung, die alle Figuren füreinander empfinden, einmal ausgesprochen. Die eigentliche Handlung aber hat sich unterdessen beinahe unbemerkt abgespielt. Möglicherweise hatte der Indianer seine Frau umgebracht, aus Eifersucht. Das könnte so sein, bleibt aber eine bloße Vermutung. Möglicherweise ist auch der Vater "eifersüchtig", wie der Titel dieser kleinen Novelle lautet, möglicherweise sogar Larry selber, aufs Leben. In der Lakonie der Dialoge, den einfachen Worten, mit denen alltägliche Begebenheiten wiedergegeben werden, öffnet Richard Ford einen weiten Raum für Empfindungen.

Trotzdem sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Es ist, fraglos, ein schönes Buch, das nicht von der Handlung lebt. Es ist sicher noch lakonischer als der "Frauenheld", der in Deutschland bereits Begeisterungsstürme auslöste. Es ist gut, daß es solche Bücher gibt. Es gibt sie übrigens schon lange. Daran sollten wir beim Jubeln denken.

Richard Ford:

Eifersüchtig