BERCHTESGADEN. - Ruckelnd nimmt der Bus die letzte Steigung bis zum Parkplatz Hintereck auf dem Obersalzberg, der Endstation. Markus und Brigitte Gohlke steigen aus und atmen tief durch. "Der Adolf wußte schon, wo es schön ist", sagt Markus und knipst ein Photo vom schneebedeckten Watzmann, der fern in der Sonne glitzert. "Wir wollen mal sehen, wo der Adolf gewohnt hat", sagt Brigitte, doch alles, was sie jetzt vorfinden, sind ein Café und zwei Andenkenläden mit Gamsbärten und Tirolerhüten.

Wie die Gohlkes aus Löbau in Sachsen reisen mehr als 320 000 Touristen jedes Jahr ins frühere "Führersperrgebiet". Große Tafeln bezeichnen zwar auch den kleinsten der umliegenden Berge, doch auf die Geschichte des Obersalzbergs zuerst als Feriensitz, später als Hauptquartier Hitlers, das zwischen 1933 und 1945 auf einer Fläche von zehn Quadratkilometern in den Berg gestampft wurde, weist offiziell nichts hin. Wieso auch: Von einem Nazi-Tourismus wollen der Markt und der Landkreis Berchtesgaden nichts wissen. Die Leute kämen "fast ausschließlich wegen der schönen Landschaft", versichert Kurdirektor Ernst Wittmann. "Für höchstens fünf Prozent ist Hitler der Besuchsgrund." Landrat Martin Seidl (CSU) meint sogar: "Der Obersalzberg ist ein Berg wie jeder andere."

Mit dieser Haltung haben sich die Berchtesgadener jahrzehntelang die geschichtliche Aufarbeitung bequem vom Leib gehalten. Und damit privaten Geschäftemachern das Feld überlassen. Das beste Geschäft machten jahrelang die beiden ortsansässigen Verlage Plenk und Fabritius mit obskuren Broschüren. "Ich verkaufe Andenken", sagt Silvia Fabritius, "meine Aufgabe ist es nicht, mir über die Politik Gedanken zu machen." Das liest sich dann so: "Adolf Hitler, wer kennt diesen Namen nicht. Millionen Menschen . . . schauten hoffend und bewundernd zu ihm auf, selbst seine erbittertsten Feinde mußten seine überragende Persönlichkeit widerwillig anerkennen", heißt es in der "Biographie des III. Reichs" aus der Feder von Frau Fabritius, in der die Autorin ein "unpolitisches" Bild vom deutschen Diktator zeichnet: Hitler beim Skilaufen, Hitler beim Plausch mit seinen Oberlandlern, Hitler in Lederhosen, beim Picknick auf der Almwiese. Mit dem Angriff auf Polen bricht die "Biographie des III. Reichs" abrupt ab und setzt erst wieder mit der Bombardierung des schönen Obersalzbergs im April 1945 durch die britische Luftwaffe ein.

Strafbar ist derartiges nicht, erschreckend verantwortungslos schon. Deshalb müssen die Berchtesgadener seit einiger Zeit heftige Prügel einstecken. Neben den Touristen haben nämlich fünfzig Jahre nach Kriegsende auch Scharen von Journalisten den Obersalzberg entdeckt. Rasch war ein Zusammenhang zwischen den Touristenmassen und den Heften hergestellt: Der Obersalzberg, so sendete und schrieb man von Stuttgart bis Seoul, sei zu einer "Wallfahrtsstätte für Ewiggestrige" geworden. "Das ist alles gelogen", ereifert sich Silvia Fabritius. "Die machen unser schönes Berchtesgaden kaputt!" Daß sie das auch durch ihre Hefte tut, will sie nicht sehen: "Schaun Sie mich doch an! Seh' ich etwa aus wie ein Nazi?"

Andere fürchten um ihr Geschäft. "Wenn die Medien unseren Ort in einem so schlechten Licht darstellen", glaubt Bernd Kroske, der Wirt des Cafés "Roseneck" auf dem Obersalzberg, "dann werden noch weniger Touristen kommen." Tatsächlich ging die Zahl der Übernachtungen deutlich zurück, 1994 um sechs Prozent. So kann man verstehen, daß der Landrat schimpft: "Unsre Ruh' woll'n mir hab'n!"

Doch ob die Berchtesgadener es wollen oder nicht, die NS-Vergangenheit läßt sich auf dem Obersalzberg heute noch nachvollziehen. Den "Platterhof", vor sechzig Jahren ein Volkshotel für Hitler-Touristen, betreiben die Amerikaner als Hotel "General Walker", der NS-Mustergutshof dient als Sportcenter, auf dem Gelände der SS-Kasernen ist ein Fußballplatz, und wer ein wenig im Wald herumsucht, stößt auf die Reste des Berghofs.

Die Frage ist also nicht, ob, sondern wie Berchtesgaden mit der NS-Geschichte umgeht: Läßt man die Verherrlichung zu, oder bemüht man sich um eine verantwortungsvolle Darstellung? Sagt man zum Beispiel, daß Hitler hier, von Berchtesgadener Wirten protegiert, nach der Haft in Landsberg "Mein Kampf" zu Ende schrieb, daß er hier seine Angriffskriege und den Holocaust plante, daß für den Bau des Obersalzbergs auch Zwangsarbeiter aus KZs eingesetzt wurden? "An einer objektiven Darstellung fehlt es bislang völlig", meint Martin Rasp, Mitbegründer einer Bürgerinitiative, die eine wissenschaftlich fundierte Informations- und Gedenkstätte auf dem Obersalzberg fordert. "Wenn die Amerikaner im Herbst den Obersalzberg räumen, ist es endlich an der Zeit, daß wir uns zu diesem Teil unserer Geschichte bekennen."