München

Es hätte nicht viel gefehlt, und das ganze schöne Fest des Friedens wäre in ein Happening aus blankem Haß umgeschlagen. All die Loblieder auf die Vertriebenen, all die Gesänge von der Verständigung, all das Gesäusel von der ausgestreckten Hand - verpufft, vergessen in diesem einen Moment, da der 46. Sudetendeutsche Tag an seinem Wendepunkt steht.

Wie immer werden dem Publikum der Hauptkundgebung an diesem Wochenende zunächst die Ehrengäste vorgestellt, eine lange Prozedur. So betet der Mann am Mikrophon ein kleines christsoziales Who's who? herunter, bevor er in aller Unschuld zum entscheidenden Satz anhebt: "Und wir begrüßen die Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, Dr. Antje Vollmer und Hans Klein."

Mitten im Satz bricht Protestgeheul los. Nicht nur ein paar Pfiffe gegen die Grüne Antje Vollmer, nein, ein wütendes Gebrüll; nicht von ein paar Krakeelern, sondern von einer unüberschaubaren Menge, von Zehntausenden; nicht von jung-lauten Protestierern, sondern von braven Rentnern, die sich am Morgen mühsam die langen Treppen der U-Bahn-Schächte neben den Münchner Messehallen heraufgequält hatten. So stehen sie nun da, recken die Fäuste gen Himmel und brüllen, was die Lungen hergeben, minutenlang. Ein paar Betagte, puterroten Kopfes, schreien: "Hängt sie auf!" - "Stellt sie an die Wand!" Ein kollektiver Ausbruch, wie er langjährigen Besuchern Sudetendeutscher Tage nicht erinnerlich ist.

Was ist nur geschehen? Und was wäre geschehen, hätte Antje Vollmer, ihrem Wunsch gemäß, bei ihrem ersten Auftritt vor Vertriebenen ein Grußwort sprechen und mahnen dürfen, endlich auf unrealistische Forderungen zu verzichten, um dem nahen Ausgleich mit Tschechien nicht im Wege zu stehen?

Hatten die Vertriebenen, die sonst aufmerksam jedes Politikerwort zu ihren Anliegen wichten und wägen, gänzlich überhört, was Antje Vollmer nur drei Tage zuvor im Bundestag gesagt hatte? Wie sie an einer Art politischer Heiligsprechung der Vertriebenen teilgenommen, im Hohen Haus sogar die salbungsvollsten Worte für die Rolle der Vertriebenen gefunden hatte?

Wer hätte je aus grünem Munde gehört, die Vertriebenen seien ein "Glücksfall" für die junge Republik gewesen! Durch ihre geglückte Integration hätten sie den "Grundstein für jene multikulturelle und liberale Gesellschaft gelegt, die die alte Bundesrepublik so liebenswert und so offen gemacht hat . . . Ein Prozeß, der ein Moment vom jungen Amerika hatte." Oder das Lob, zwölf Millionen Vertriebene hätten sich eben nicht zusammengefunden zu "militanten Freikorps, die sich an den Gefühlen der Gekränkten und Zukurzgekommenen mästeten". Statt dessen hätten sie "früh auf Rache verzichtet" und seien "zu etwas wie sozialem Sauerteig" geworden.