Ein Patient, von Phobien geplagt, streift durch eine künstliche Computerwelt und gewöhnt sich dort Schritt für Schritt an Hunde, Spinnen, schwindelnde Höhen. Mit Virtual Reality, der allseits gefeierten Techno-Imagination, können Therapeuten künftig mit ihren Angstpatienten auf große Fahrt gehen, nach gefährlichen Brücken oder gähnenden Abgründen Ausschau halten. "Wenn wir solch ein System hätten, würden wir es sofort einsetzen", meint Adolf Vukovich vom Lehrstuhl für Psychologie an der Universität Regensburg. Seine Kollegin Herta Flor vom Lehrstuhl für Klinische Psychologie an der Berliner Humboldt-Universität pflichtet ihm bei: "Die Idee ist nicht schlecht."

Doch noch hat die Technik ihren Preis: Umgerechnet etwa 28 000 Mark, sagt Larry Hodges vom College of Computing am Georgia Institute of Technology (Georgia Tech) in Atlanta, müsse ein Therapeut hinblättern, der derartig schockierende Umgebungen auf harmlose Weise zum Kranken holen möchte.

Hodges hat, gemeinsam mit seiner Kollegin Barbara Rothbaum vom Fachbereich Psychiatrie der Emory University's School of Medicine, erstmalig die Technik der Virtual Reality bei der Therapie von Ängsten und Phobien eingesetzt und ihre Wirkung an zehn Studenten untersucht. Die drei "Umgebungen", die für die wöchentlichen Sitzungen über einen Zeitraum von zwei Monaten geschaffen wurden, bestanden aus einem Balkon mit Holzplattform, aus einem gläsernen Aufzug, den man mit dem Datenhandschuh hinauf- und hinuntersteuern konnte, und aus drei Brücken, beginnend mit einer harmlosen Steinbrücke von sieben Meter Höhe. Präsentiert werden die Bilder monoskopisch, das heißt, beide Augen sehen auf Displays im Datenhelm dasselbe Bild; echte dreidimensionale Effekte würden den Rechneraufwand in die Höhe treiben und sind auch für die Angstsimulation nicht notwendig, versichern Hodges und Rothbaum.

Fast alle Studenten zeigten, sobald sie per Datenhelm durch simulierte Höhen schwebten, auch in dieser künstlichen Umgebung typische Angstsymptome wie die eiserne Klammer in der Brust, den flauen Magen oder schweißnasse Hände. Ein zuvor gemessenes Angstniveau lag bei der therapierten Gruppe von zehn Studenten aber nach zwei Monaten deutlich niedriger als das Niveau einer Vergleichsgruppe von sieben Kandidaten, die zunächst auf eine Warteliste gesetzt wurden.

Die Methode taugt freilich nicht für alle: Zwei Studenten bekamen Panik, nachdem sie den Helm mit den beiden Displays aufgesetzt hatten, und schieden aus. Mit der Übertragbarkeit gibt es anscheinend wenig Probleme: Nachdem sie erfolgreich vom sechs Meter hohen Balkon heruntergewunken und im Fahrstuhl durchs Atrium des Atlanta Marriott gerast waren, beschlossen sieben von zehn Probanden, den Härtetest im echten Hotel zu wagen. "Vor der Behandlung hätten mich keine zehn Pferde in solch einen Fahrstuhl gebracht", berichtet einer der Therapierten.

"Entscheidend scheint mir die Übertragbarkeit auf den Alltag zu sein", kommentiert die Berliner Professorin Herta Flor. "Denn erst, wenn phobiegeplagte Menschen später selbständig in die Realität gehen, kann sich eine Therapie als nachhaltig und von langfristiger Wirkung erweisen. Kurzfristige Effekte lassen sich oft schnell erzielen", warnt sie. "Man muß die Motive für solche Ängste finden", meint auch der Psychologe Steffen Fliegel von der Ruhr-Universität Bochum, "und das kann man nicht, wenn man ein Programm durchzieht." Allerdings ist auch Fliegel überzeugt, daß "virtuell erzeugte Ängste" solch eine Therapie durchaus sinnvoll flankieren können.

Schon sehen Hodges und Rothbaum Spinnen über den Bildschirm kriechen, lassen im Geiste Briefträger von keifenden Hunden anfallen, stellen Agoraphobiker mutterseelenallein auf den Roten Platz oder klemmen Klaustrophobiker in hoffnungslos überfüllte Busse. Auch der gestreßte Reisende mit seiner peinlichen Flugangst darf auf harmloses virtuelles Abheben hoffen, denn grundsätzlich macht die dosierte und kontrollierte Präsentation von angsterzeugenden Umgebungen vor keinem Thema halt. "Schon jetzt setzen wir Medien wie Videos ein, wenn wir über Angst sprechen", erläutert der Bochumer Psychologe Fliegel, "warum sollte man es da nicht mit virtueller Realität versuchen?"