Ein dreifacher Gong ruft die Zuschauer auf ihre Plätze. Stille kehrt ein, alle warten darauf, daß der erste Schauspieler hinter den Büschen hervortritt: Nichts dergleichen geschieht. Statt dessen spüren 400 Theaterbesucher einen Ruck unter ihrem Hintern. Wie von Geisterhand drehen sich Bänke und Boden nach links. Mit Raunen, dann mit Beifall quittieren die Gäste diese Überraschung des Freilichttheaters im Schloßpark von Krumau.

Eine Kuriosität der Theatergeschichte lebt in der 15 000-Einwohner-Stadt im Süden der Tschechischen Republik fort: die drehbare Zuschauertribüne. Überall auf der Welt, sei es im plüschigen Stadttheater oder in zugigen Fabrikhallen, können sich die Zuschauer darauf verlassen, daß ihr Stuhl an Ort und Stelle bleibt. Nicht so in Krumau an der oberen Moldau. Dort wird das Publikum auf einer steilen Rampe im Kreis herumgefahren, wie es der Regisseur für richtig hält. Bühnenarbeiter haben ausgedient, sie sind zu Technikern aufgestiegen, die das Monstrum von einer Kommandobrücke aus zu jedem gewünschten Ausblick auf den Schloßgarten steuern.

Der Park, der sich westlich des Krumauer Schlosses einen Hügelrücken hinaufzieht, war schon früher Schauplatz pompöser Inszenierungen. Hier sollen zur Belustigung der fürstlichen Schloßherren Musiker in den Baumkronen gespielt haben. Hier stellten die Eggenberger im 18. Jahrhundert die rauschenden Gartenfeste des Wiener Kaiserhofes nach. Die Naturkulisse der turmhohen Buchen, des künstlichen Sees und des Lustschlosses Bellaria reizte Theaterleute aller Epochen zum Spiel unter freiem Himmel.

Aber erst Joan Brehms, ein vom Bauhaus inspirierter lettischer Bühnenbildner, gab dieser Leidenschaft die nötigen technischen Hilfsmittel: 1958 drehte sich zum ersten Mal eine primitive Holzplattform im Krumauer Schloßgarten, um den Besuchern des 3. Südböhmischen Theaterfestivals die 360-Grad-Totale zu erschließen. Dreißig Jahre wuchs und gedieh das "Karussell" - neben der Drehtribüne in Tampere/Finnland das einzige in Europa - unter dem Schutz sozialistischer Kulturfunktionäre. Denn in dem verträumten Städtchen südlich von Budweis gab es einiges gutzumachen. Nach der Vertreibung der zu zwei Dritteln deutschen Bevölkerung infolge des Zweiten Weltkrieges wurden hier ortsfremde Tschechen und Roma angesiedelt. Mit Lohnzuschlägen und einem satten Kulturangebot versuchte die Regierung - wie überall im Ostblock -, die Nähe zum "goldenen Westen" vergessen zu machen.

Aus einer vierjährigen Renovierungszwangspause ist die Krumauer Drehtribüne 1993 nur mit Ruckeln und Zuckeln erwacht. Ironie des Schicksals: Jene, die den Umbau ins Werk gesetzt haben, sind nicht mehr am Ruder, und deren Nachfolger fühlen sich dem eigenwilligen Kind nicht gewachsen. Nicht zuletzt brachte die ungewohnte Marktwirtschaft das Drehtheater in Turbulenzen. Die 1993er Saison fiel mangels Zuschauern ins Wasser, weil die Prager Agentur Panta Rhei mit der Werbung nicht nachkam. Die nächste Spielzeit wurde mit viel Optimismus geplant - bis der Konkurs von Panta Rhei alles wieder in Frage stellte. Die diesjährige Saison, die am 30. Juni beginnt, soll die erste ohne Tücken und Pannen werden. Eröffnet wird mit "Die Schönheit und das Biest", von dem tschechischen Dichter Frantisek Hrubin eigens für dieses Ereignis geschrieben.

Durch die Anlaufschwierigkeiten ließen sich die Südböhmen im vergangenen Jahr nicht abschrecken. Schon Wochen im voraus waren die 80-Kronen-Billetts - umgerechnet fünf Mark - ausverkauft. An der Abendkasse balgten sich Einheimische mit Touristen aus Österreich und Deutschland, die sich das Rotationsschauspiel trotz der Aufführungen in Tschechisch nicht entgehen lassen wollten, um Restkarten.

Wie erleben mit allen audiovisuellen Wassern gewaschene Zuschauer Joan Brehms' Vision vom "totalen Raum"? Nach Metern zu messende Grenzen, wie sie die Bühne des traditionellen Theaters kennt, sind plötzlich aufgehoben. Schauspieler marschieren beträchtliche Strecken durch einen spärlich beleuchteten Park. Die Drehtribüne folgt ihnen, schießt manchmal übers Ziel hinaus, was die Techniker unter dem Schmunzeln des Publikums korrigieren. Von den oberen Rängen bietet sich den Zuschauern ein weiter Blick über das nächtliche Schwarz der Baumkronen. Das Geschehen auf dem Rasen gewinnt plötzlich an Tiefe. Das Verhallen der Stimmen im Dickicht der Büsche ruft die Illusion unendlicher Weiten wach. Für die Schauspieler, die ihren Part ohne Mikrophon absolvieren, bedeutet jeder Abend einen Kraftakt. Daher ist auch bei großem Besucherandrang an zwei Vorstellungen pro Tag nicht zu denken, weiß Jiri Sesták, Intendant des Südböhmischen Theaters Budweis. Er selbst spielt im Krumauer "Sommernachtstraum" den Athener Bürger Egeus.