Am 8. September 1944 wurde im Van-Starkenborgh-Kanal in der Nähe der holländischen Stadt Groningen die Leiche einer jungen Frau gefunden: Esmée van Eeghen, sechsundzwanzig Jahre alt, Tochter einer angesehenen aristokratischen Familie, eine aparte Schönheit mit wachen, intelligenten Augen, ein, wie ihr damaliger Freund, der Arzt Henk Kluvers, es später formulierte, "bildhübscher Schwan in einem Eisloch mit fremdartigen Enten". Nicht ganz so lyrisch wurde die inzwischen von vielen als Nationalheldin Angesehene 1986 in der Zeitschrift Vrij Nederland beschrieben: Sie habe saufen können wie ein Templer, fluchen wie ein Ketzer und schießen wie sonst niemand; sie sei launisch gewesen und illoyal, flatterhaft, hysterisch - und nymphoman.

1943 war sie nach Friesland gekommen, um hier für den holländischen Widerstand zu arbeiten. Sie versteckte jüdische Familien und organisierte deren Verpflegung, sorgte für abgeschossene alliierte Bomberpiloten und transportierte Waffen, machte sogar bei kleinen Überfällen mit. Bald aber sah man sie auch zusammen mit deutschen Offizieren. War sie in Wirklichkeit eine Doppelagentin, die einerseits für die Holländer Details über den für die Nazis strategisch wichtigen Militärflughafen Leeuwarden erkundete, umgekehrt den Deutschen Verteidigungspläne und Unterschlupfadressen verriet? Beiden Seiten wurde sie schließlich zu gefährlich: Die holländische KP wollte sie beseitigen - aber es war dann der deutsche Sicherheitsdienst, der sie liquidierte.

Im Jahre 50 nach der Befreiung der Niederlande von der deutschen Besatzung steht auch das Holland Festival unter einem die Geschichte reflektierenden Motto: "Kunst und Widerstand". Und so präsentierte es gleich zur Eröffnung die Uraufführung einer Oper über Esmée van Eeghen. Der Autor: Theo Loevendie (Jahrgang 1930), ein zunächst als Jazz-Klarinettist mit eigenen Ensembles bekannt gewordener Musiker, der aber um 1970 auch in die "ernste" Musik eintauchte, nunmehr ständig an der Überlagerung und Durchdringung dieser beiden heterogenen musikalischen Ströme arbeitet, dazu eine eigene Methode entwickelte, die er "curve techniek" nennt, weil er statt schönbergscher Reihen kurvenartige Motive aus einer jeweils bestimmten Anzahl von Tönen verfaßt mit wiedererkenn baren melodischen und harmonischen Momenten, raffinierten rhythmischen Mustern und aufregenden Klängen.

"Esmée" ist seine dritte Oper. Schon "Naima", 1985 beim Holland Festival uraufgeführt, hatte das Problem der Macht behandelt: Eine "Gruppe" von freiheitsliebenden Individualisten (die hier konsequenterweise sehr viel improvisieren) sagt der bislang regierenden, aber total korrumpierten "Institution" (die auch musikalisch ein "System" verteidigt) den Kampf an - aber als die Revolutionäre dann selbst in die Regierung aufsteigen, erweisen sie sich als keinen Deut besser denn ihre Vorgänger (eine Orchestersuite au s "Naima" liegt vor auf einer CD der holländischen Stiftung Donemus - "Highlights CV 24"). "Gassir the Hero", eine 1990 in Boston uraufgeführte Kammeroper, thematisiert den Gegensatz zwischen Kunst und Gewalt: Ein afrikanischer Stammesfürst möchte gern ein "unsterbliches" Heldenlied verfassen; um dies freilich schaffen zu können, muß er erst seinen Sohn in einer Schlacht verlieren.

"Esmée" erweist sich zu unserer Überraschung als so gar nicht "politische" Oper, ist jedenfalls kein entlarvendes und mit einem verbrecherischen Regime abrechnendes "Widerstandsstück". Wendige Analysten könnten zwar noch etwas finden über die Diskrepanz zwischen Kultur und Barabarei, zwischen Goethe/Hölderlin und den Nazis. Eher aber will das Stück uns etwas berichten und zu denken geben über die (allzu geringen) Chancen eines Individuums in einer polarisierten und von Gruppeninteressen bestimmten Gesellschaft. Im Grunde aber wurde doch nur eine mit politischen Accessoires angehübschte Liebesgeschichte daraus: Esmée zwischen vier ihre unterschiedlichen politischen, aber übereinstimmenden körperlichen Interessen verfolgenden Männern. Eine verpaßte Chance? Es hilft nichts daran vorbei. "Esmée" ist ein (weiteres) Beispiel dafür, wie schnell ein brisantes Sujet trivialisiert wird, wenn es in die Fänge des Genres Oper gerät.

Im Amsterdamer Koninklijk Theater Carré machte darüber hinaus Herbert Wernicke als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner wie Lichtdesigner sich das Leben und uns die Rezeption schwer. Ein Haus mit viel Atmosphäre: Gründerzeit, ramponierter Pomp, liebenswürdige Ungemütlichkeit. Aber ein für heutige szenische Bedürfnisse ziemlich unbrauchbares Theater: ein fast ebenso hoher wie breiter, steil ansteigender Zuschauerraum vor einer Bühne ohne einigermaßen ausreichende Tiefe; eine deplorable Akustik. Wernickes Rezept: Symbolismus. Ein riesiges Hakenkreuz kriecht aus der Bühne heraus über das ganze Parkett, steigt noch an einer Wand hoch, überragt, überdeckt, beherrscht also alles - auch wenn ihm bedeutungsschwer (jetzt schon?) die Haken abgebrochen sind. Das Orchester (Leitung: Friedemann Leier) sitzt im Parkett unter einem der Kreuz-Winkel - und übertönt die nicht eben kräftigen Solisten. Die Kreuz-Balken dienen als Spielfläche, sind aber nun viel zu groß für die aktionsarmen Gespräche zu zweit oder zu dritt, zu leer für irgendeine Erkenntnis oder ein bißchen Mitgefühl. Wer ist wo? Alles geschieht "weit weg" - und diese Distanz erzeugt zwar gelegentlich wie in einer Choreographie räumliche Spannungen, aber es fehlen die Charaktere. Zu sehen und zu hören sind nur auswechselbare Typen, ausgenommen Jeanne Piland in der Titelpartie mit genau den hintergründigen und schillernden Timbres der vom Komponisten geforderten, aber in sich doch eher widersprüchlichen Kategorie eines hohen Mezzosoprans. Eine kostümierte Kantate mithin, die weder betroffen macht noch eindringlich warnt, weil sie weder schreckliche noch tröstende Wahrheiten zu verkünden hat.

Auch am zweiten "Kunst und Widerstand"-Festivalabend gastiert Deutschland in Holland: "Zerging in Dunst das heil'ge röm'sche Reich, es bliebe gleich die heil'ge deutsche Kunst!" "Gefährlich das!" könnten wir mit Beckmesser wähnen, aber Harry Kupfer läßt nie auch nur den kleinsten Rest an Rückerinnerung zu, der auf vergangene politische Untertöne verwiese: Er inszenierte Wagners "Meistersinger" - wo der Dichter-Komponist ja nicht weniger herausfinden will als, was das denn wohl sei: Kunst - als Groteske. Wenn man so will - wenn man so will! -, mit bösem Hintergrund: Nun guckt euch an, was ihr da in der Glotze alles gern seht - steifleinerne Betulichkeit und dumpf-biederen Konservatismus, volkstümlich errötende Liebespärchen und gehorsam kuschende Jugend. Und Heiterkeit bitte, die Wirklichkeit ist ernst genug! Hauptsache: Action! Immer muß was los sein! Da bringt selbst einen so brillanten Sänger-Schauspieler wie Dale Duesing gelegentlich an den Rand seiner Kraft, was Harry Kupfer ihm abverlangt. Und der so gewichtige wie sonore Jan-Hendrik Rootering als Sachs vermag um so deutlicher einen Gegenpol zu all dem amüsanten Treiben zu liefern.