Heiner Müller ist der Dr. Frankenstein der deutsch-sowjetischen Geschichte. Er sammelt Leichenteile, näht sie zusammen und erweckt sie per Sprachkurzschluß zum Leben - jedes Kraftwort hunderttausend Volt. Wenn das neue Müller-Werk über Hitler und Stalin Premiere hat, wird er sich unter Blitzgewittern vom Operationstisch erheben: der Historunkulus.

Vorstudienhalber hat Müller sich den Hitler seines Lehrers Brecht vorgenommen. "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" war nach der "Dreigroschenoper" Brechts "Einführeroper", leider ohne Musik. Das Stück sollte 1941 den Amerikanern den Adolf erklären. Aus Heiner Müllers Inszenierung am Berliner Ensemble lassen sich folgende Lehren ziehen:

Erstens. Die Szene, in der ein Schauspieler dem Ui das Gehen, Stehen, Sitzen und Demagogisieren beibringt, ist selbst nichts als eine Vorstudie zu Thomas Bernhards späterem Stück "Minetti". Weil Müller den Schauspieler mit Bernhard Minetti besetzt hat, kommt es ans Licht. "Sie sehen einen tragischen Fall vor sich, meine Herren", sagt der Schauspieler (sagt Minetti!). "Ich hab mich ruiniert mit Shakespeare. Englischer Dichter. Ich könnte heute am Broadway spielen, wenn es nicht Shakespeare gäbe." - Würde die Szene doch nie vorübergehen!

Zweitens. Der ganze "Ui" ist nichts als eine Vorstudie für ein besseres, einem anderen Schauspieler auf den Leib geschriebenes Stück, das Brecht nicht mehr schreiben konnte: "Wuttke".

Martin Wuttke spielt bei Müller den Ui und geht mit der Rolle und der ganzen Inszenierung durch. Und mit Minetti, der ihm eben noch das Gehen, Stehen, Sprechen und Demagogisieren beigebracht hat und dafür nun von Wuttke parodiert wird. Wuttke läuft Amok. Wer in der zweiten Reihe Mitte sitzt, wird naß.

Er beginnt als bibbernder und schwitzender Neurotiker. "Ich will nur eines: Nicht verkannt sein!" mault Ui. Noch als geschulter Demagoge fällt er immer wieder in sich zusammen. Bis zur Pause schraubt und schreit sich der Schauspieler Wuttke in ungeahnte Höhen. Nach der Pause muß er trotzdem weitermachen. Und er darf nicht nur spielen, er wird auch inszeniert.

Der Regisseur Müller klaut bei Castorf (Ui erigiert unterm Chapeau claque), Wilson (Naziopferfrau hält ihre Händchen schön), Kresnik (Heino in SS-Uniform zieht sich nackt aus), Haußmann (Discomusik), Schleef (Wuttke) und Marthaler (alle stehen rum, einer spielt Klavier). Er stellt starre Operntableaus, zwischen denen nur Wuttke hin- und herspringen darf. "Hitler", sagt Müller, "war der deutsche Schäferhund, dem man eine ganz lange Leine gelassen hat, damit er die Kommunisten wegbeißt . . ." Deshalb zeigt Wuttke zu Beginn hechelnd die Rote-Bete-Zunge. "Der einzig nationale Stoff", sagt Müller, "sind die Nibelungen." Deshalb trägt Wuttke rücklings einen roten Kreis auf der Jacke: Siegfried Ui. Unsere Zeigefinger leben noch.