Nie zuvor durften Experten in Europa so gründlich nach Stromsparmöglichkeiten fahnden. Drei Jahre lang untersuchten Spezialisten des Freiburger Öko-Instituts und des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie verschiedene Industriebetriebe in Hannover, eine Schule und einen Supermarkt und fütterten die Ergebnisse in ihre Computer. Außerdem werteten sie die gesamte Literatur zum Thema aus. Fünf Millionen Mark kostete die jetzt von den Stadtwerken Hannover vorgelegte Studie, die vom Land Niedersachsen, dem Umweltbundesamt und der Europäischen Union mitfinanziert wurde.

Die Öko-Experten sollten prüfen, ob sich eine Vision des amerikanischen Energiespar-Vordenkers Amory Lovins verwirklichen läßt. Lovins schweben "Einsparkraftwerke" vor. Diese Kraftwerke existieren nicht wirklich, aber sie sparen Strom. Wer beispielsweise eine 75-Watt-Birne durch eine Energiesparlampe ersetzt, die nur fünfzehn Watt braucht, erzeugt sechzig Negawatt, argumentiert Lovins. Denn die nicht benötigten sechzig Watt kann das Elektrizitätswerk woanders verkaufen. Kommen genügend solcher Negawatt zusammen, ist das Einsparkraftwerk fertig.

Die Gutachter von Hannover haben jetzt bewiesen: Der imaginäre Reaktor kann gebaut werden. Auf ganz Deutschland hochgerechnet, stellt er eine Leistung von achtzehn Gigawatt zur Verfügung, das entspricht ungefähr zwanzig großen Kraftwerken. Das Schönste allerdings: Das Negawatt-Kraftwerk kostet nicht mehr als ein herkömmliches. Gegen den Vorwurf, sie planten einen nur auf dem Papier funktionierenden Wolkenkuckucksreaktor, sind die Wissenschaftler gerüstet. Projektleiter Peter Hennicke: "Wir haben jede Zahl mit den Stadtwerken abgeklopft."

Auch Unternehmer Norbert Skodock hatte nicht den Eindruck, daß "weltfremde Energiesparer um jeden Preis" seinen mittelständischen Metallbetrieb unter die Lupe nahmen. Wie in vielen Unternehmen entdeckten die Öko-Späher, daß vor allem Lampen und Motoren mit weniger Strom auskommen könnten. Zum Teil war die Verschwendung offensichtlich. "Der erste, der morgens kommt, macht überall das Licht an, der Hausmeister macht es abends wieder aus", berichtet Skodock. Bewegungsmelder sollen nun Räume, die nur zweimal am Tag betreten werden, gezielt beleuchten.

Andere Möglichkeiten fallen nur Experten auf. So wissen die meisten Unternehmer nicht, daß spezielle Energiesparlampen gegenüber den alten Neonröhren glatt vierzig Prozent Energie sparen. Ebensowenig hat sich bisher herumgesprochen, daß besser geregelte Motoren um ein Viertel genügsamer sind. Wissenschaftler Hennicke konstatiert "ein riesiges Informationsproblem". Weil die Stromrechnung meist nur ein paar Prozent der Unternehmensausgaben ausmacht, interessiert sich kaum jemand dafür. Auch Norbert Skodock hat vorher nie gefragt: "Was kostet das überhaupt?"

Vom Mythos des scharf kalkulierenden Managers, der alle lohnenden Sparmöglichkeiten längst realisiert hätte, blieb wenig. Die Firmen könnten ihren Stromverbrauch laut Studie mit rentablen Maßnahmen um bis zu 24 Prozent senken. Auch die Bürger erwiesen sich nicht gerade als hochmotivierte Energiesparer. In der Untersuchung wurde getestet, wie viele einen sparsameren Kühlschrank kaufen, wenn die Stadtwerke Geld zuschießen. "Heutzutage lockt man mit fünfzig Mark keinen mehr hinter dem Ofen vor", faßt deren Sprecher Helmut Laier das Ergebnis der Prämienaktion zusammen. So wenige Hannoveraner machten mit, daß sich das Programm nur knapp rechnete.

Für Hannovers Stadtväter bleibt ebenfalls noch viel zu tun. Das stellte sich heraus, als die Experten zur Gesamtschule Mühlenberg gingen. Sie fanden heraus: Der Bau aus den siebziger Jahren könnte durch wenige Maßnahmen bei der Lüftung und der Beleuchtung mit zwei Dritteln weniger Strom auskommen. Die Mühe würde sich in einem Jahr bezahlt machen. Aber der Sanierungsetat der Stadt reiche nur für noch dringendere Probleme, klagt Arno Mühlenhaupt, der im Energieprojekt der Schule mitarbeitet. Der Lehrer: "Wir bringen Schülern bei, sparsam mit Energie umzugehen - in einem Gebäude, das Energie verschwendet." Die Schule vergeude für die paar Stunden Unterricht soviel, wie die Pennäler und Pädagogen den ganzen Tag über zu Hause brauchten, berichtet Mühlenhaupt.